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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
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IV. DIE LEHRHAFTE DICHTUNG

Lit.: W. Grimm, Freidank 1. Ausg. 1834, Einl. S. LXXXVIII ff.; Ders., Kl. Sehr. 4, 19 ff.;Lachmann, Kl. Sehr. S. 482 f.; Scherer, Dt. Stud. 1, 55 ff.; 0. Grupp, Die dt. Didaktiker u.die Schulen des XII. u. XIII. Jhs., Progr. I. II, Brandenburg 1888.1889; Burdach, Centralbl.f. Bibliothekswesen 8, 1891, 439 ff., Vom Mittelalter zur Reformation I, 1893, 130-3 u. VorspielI, 2, 1925, 104-8; Wechssler, Kulturproblem I, 1909, 23-60; Kuno Francke, Kulturwerte,1910, S. 104-6; Ehrismann, Die Grundlagen d. ritterl. Tugendsystems, ZfdA. 56, 137-216;Friedr. Naumann, Scholastik u. mhd. Lit., N. Jahrb. Bd. 49, 1922, 388-404; Ders., Schichtender Ethik im Nibelungenliede, Festschr. Mogk 1924, 11945; H. Naumann, Germ. Spruchweis-heit, übersetzt u.gesammelt, 1926;Walther Rehm, Kulturverfall u. spätmhd. Didaktik, ZfdPh.52, 289-330; Ders., D. Todesgedanke in d. dt. Dichtg. vom MA. bis z. Romantik, 1928, 45 ff.;Wolfg. Stammler, D. bürgerl. Dichtg. des Spätmittelalters, ZfdPh. 53, 1-24; Naumann,Ritterl. Standeskultur um 1200, in Höf. Kultur, Buchreihe d. dt. Viertelj. Bd. 17, 1929; Ehris-mann, D. mhd. didakt. Lit. als Gesellschaftsethik, Festschr. Panzer 1930; Halbach, Sachwörter-buch, 1930,386 f.; Aug. Arnold, Stud. üb. den Hohen Mut, 1930, S. 68 ff. LG. II, 2,19-24.

Die epische Dichtung stellt mittels der Phantasie das unmittelbare Lebendar, die Didaktik, die weltliche Sittenlehre, abstrahiert durch den beobachten-den Verstand. 1 Der Inhalt der Epik ist Leben, der der Didaktik Denken überdas Leben, sie verhalten sich wie Praxis und Theorie. Das Epos haftet amkonkreten einzelnen Fall, die Didaktik zieht aus vielen gleichen Einzelfällenallgemeine Ergebnisse. Jeder Vorgang, den das höfische Epos erzählt, trägteinen sittlichen Wert in sich, ist sittlich zu bewerten als ein ethisches Symbolund kann in dieser Hinsicht ein Beitrag zur Didaktik sein; die ritterlichenHelden sind ideale Vorbilder (s. unten Thomasin). Aber auch unmittelbarlehrhafte Stellen sind in den Gang der Erzählung eingeflochten, so im Parzivaldie Lehren der Herzeloyde, des Einsiedleroheims u. a., in Gotfrids Tristan dieLehren Markes bei der Schwertleite und die lere der möraliteit, der Krautzauberin Hartmanns Büchlein, die Ehrenlehre Gaweins im Iwein u. a., GaweinsFürstenlehre im Wigalois. Selbst die mittelhochdeutsche Lyrik hat ausge-dehnten lehrhaften Einschlag, so ist die Spruchdichtung eigentlich eine lyrisch-didaktische Zwischengattung, und selbst in den Minneliedern liegt ein Keimder Minnedidaktik. Die gesamte mittelalterliche Literatur hat viel pädagogi-schen Gehalt.

Die Didaktik erweitert sich zur Lebens- und Weltanschauung, sie stelltSinn und Wert des Lebens fest und gibt Regeln darüber. Die lehrhafte Weisheitdieses Zeitraums ist das Ergebnis vieler Jahrhunderte kultureller Erziehung.Schon in der vorliterarischen Zeit gab es bei uns, wie bei den verwandten ger-manischen Stämmen, Sprichwörter, die im Volke einzeln umliefen und dann,literarisch in Dichtungen festgelegt, von Spielleuten verbreitet wurden (LG. I,53-5). Eine umfangreiche und festgefügte lehrhafte Gattung brachte dasChristentum; es lag in.der Aufgabe der Geistlichkeit, im Gottesdienst, in

1 Die didaktische Dichtung ist vom Stand- sehen Dicht- und Redekunst", Goethe, Üb.

punkt der heutigen Poetik aus eine Zwitter- d. Lehrgedicht, Jubiläumsausg. 38, 71). In

gattung (ein Mittelgeschöpf zwischen Poesie der mittelalterlichen Theorie soll echte Dich-

und Rhetorik", eine Ab- und Nebenartzwi- tung immer bessern, d. h. belehren.

20 Deutsche Literaturgeschichte IV