Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
304
Einzelbild herunterladen
 

304 Die Spruchdichtung

zum Weibe nicht zur spirituellen Minne des süßen Stils geläutert, sondernumgekehrt, das Heilige ist zum Menschlichen herabgezogen. An andern Stellenallerdings ist das Weib im süßen Stil zum Engel erhöht.

Frauenlob ist ein Vollender in der dichterischen Darstellung schon vorhan-dener, im Zeitgeist liegender Strömungen. Er hat keine neue Bahnen einge-schlagen, nur alte meistersingerische Probleme zu nie dagewesener Höhe ge-führt, und damit ist er für die Folgezeit Führer geworden. Er hat die Denk-und Dichtweise der Meistersinger des 14. und 15. Jahrhunderts bestimmt inder Richtung auf das Begriffliche und Metaphysische, er ist Begründer desschulmäßig geübten Meistergesangs. Viele seiner Töne wurden von seinenNachfolgern benutzt, und er genoß höheres Ansehen als Walther. Er ist derMann der Zukunft geworden, verehrt als einer der zwölf alten Meister.

Das Urteil der Wissenschaft über Frauenlob hat sich infolge eindringenderhistorischer Analyse seiner Dichtungen gegenüber dem früherer Generationengeändert. Wir erkennen in ihm einen vorgeschobenen Vertreter des Zeitgeistes.Allerdings, wenn man die krausen Einfälle ohne historische Einstellung be-urteilt, wird man oft leicht den Eindruck erhalten, als ob ein Geisteskrankerphantasiere, undMüllenhoff hat,wie vor ihmDocen, Frauenlob allen Ern-stes für verrückt gehalten (s. oben unter LiteraturMüllenhoff"). Neuer-dings ist man ihm gerechter geworden, wir sind freilich auch durch den Ex-pressionismus an starke Stücke gewöhnt.

über Konrads v. Würzburg Lyrik, der in der Wortmacherei der gerühmte Vorgänger Frauen-lobs war (Ettmüllers Ausg. S. 180, 313), s. oben bei Konr. v. Würzburg.