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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Die einzelnen Spruchdichter 303

In Frauenlob ist die Superklugheit der Meistersinger zur Hyperphantastikgediehen. So steht er auch am Ende der Reihe, die mit dem Marner begonnenhatte. Dieser ehrte Walther als seinen Meister, Frauenlob sagt sich direkt vonWalther los. In wahnwitzig überstiegenem Selbstgefühl erhebt er sich überReinmar, Wolfram, Walther:jene haben nur von dem Schaum gesungen,meine Kunst kommt aus dem Grund des Kessels",wer je sang und nochsingt, so bin ich doch ihr Meister" ; so in dem Wettstreit mit Regenboge (vgl.auch Spr. 282,13 und Spr. 321). Er selbst hält sich für den Anbruch einer neuenZeit, und damit hat er in der Tat recht.

Die große Zahl seiner erhaltenen Dichtungen umfaßt das ganze Stoffgebietder Lyrik, den lehrhaften Spruch in allen seinen Richtungen, Religion, Wissen-schaft, Moral, persönliche Gönnerbitte, auch soziale Verhältnisse (Stände),doch liegt ihm Politik fern; auch den höfischen Minnesang beherrscht seinKönnen. Denn er besitzt eine große Virtuosität und ein erstaunliches Wissen,und vermöge dieser Eigenschaften kann er es machen. Nicht aus dem Gemütquillt diese Dichtung, sondern sie ist mit dem Verstände, dem eine starkeEinbildungskraft zu Hilfe kommt, gemacht. Und seine Kunst ist wirklich einears im mittelalterlichen Sinne, sie ist in der Hauptsache ars rhetorica. In derForm beruht die Wirkung seiner Kunst, im Stil, in der Metrik und in derMusik. Die dunkle Manier und die geblümte Rede,der schwere Schmuck",die gesuchte, seltsam verschnörkelte barocke Ausdrucksweise und die ausgelehrten Musikstudien hervorgegangenendoene" brachten den Formwillender Zeit zu sonst nicht erreichter Höhe, ohne doch völlig ins Geschmackloseauszuarten wie später z. B. in der Minneburg oder beim Meister Egen (s. un-ten). Frauenlob ist Vollender einer ungesunden, überspannten expressioni-stischen Richtung in der Lyrik des 13. Jahrhunderts, die dunkles Raunenfür hohe Wissenschaft, Wortemachen für Kunst hielt. So ist seine Dichtweisesozialpsychologisch begreifbar. Sie beruht aber auch auf einer individuell psy-chologischen Veranlagung, auf einem philosophischen Trieb. DasWort"ist bei ihm nicht nur eine ästhetische Form, wort hat wie name die logischeBedeutung von Begriff, Gattung, Art, gegenüber dem dinc der Erscheinung.Sein allgemein ethisches Prinzip neben dem höfischen Standesideal derMinne ist ere, soviel wie Tugend, das Honestum der Moralis Philo-sophia (s. LG. II, 2, 23 und Reg. S. 344), aber erweitert auf das höchste Gut,die Idee des Guten, also zur Moraltheologie.

In den Leichen hat Frauenlob seine größten Kunstwerke geschaffen. Indem ersten, dem Marienieich, sucht er dem Wunder der jungfräulichen Mutterdurch die Magie des Wortes nahezukommen. Wenn man diesem Wortkunst-werk aus des Dichters eigener Gesinnung heraus gerecht werden will, so stehtman vor dem ergreifenden Schauspiel, einen Menschen darum ringen zu sehen,dem Wunderbaren in seiner Phantasie Worte zu verleihen. Aber der reale Ge-haltwird stellenweise zu Ärgernis erregender Naturalistik, wenn die Liebe Gottesund der Jungfrau in erotische Sinnlichkeit ausartet. Da ist das Verhältnis