298 Die Spruchdichtung
Eine Anzahl von Spruchdichtern sind nur in der speziell für die Spruch-literatur bestimmten Jenaer Sammlung (J) überliefert und gehören zumDurchschnitt. 1
Ein ernster Mann ist Meister Stolle, 2 der viele fromme Sprüche gedichtethat, auch eine scharfe Rügenstrophe gegen den Papst und eine ironisch ge-färbte auf die Kargheit des Königs von Rom, Rudolf von Habsburg, dem eralle Tugenden nachrühmt, nur gibt er nichts (Dialekt rheinfränkisch, Sprüchedatierbar zwischen 1256 und 1286).
Typisch für die Gesinnung der Fahrenden sind die unter dem Namen Mei-ster Gervelin 3 in den Handschriften stehenden Strophen. Der Beruf desSpruchdichters ist guot umb ere empfähen, darum folgerichtig der Inhalt derMoral: die muten varnt inz himelrich, die kargen in der helle grünt, oder: scelicsin die edelen vürsten, bi den trinket man guoten win.
Die Fürstenlehre, Adel verpflichtet, hat der Unverzagte 4 zum Haupt-thema seiner Sprüche gemacht, aber er wahrt dabei seinen Künstlerstolz: wengehrend Leute gerne aufsuchen, der ist Ehren reich, wen sie verwünschen, derhat Treue und Ehre und Würde verloren; die mir um Gottes willen und umbere geben, denen danke ich dafür mit meiner Kunst. Dem sanc, der Dichtkunstmit Gesangsvortrag, räumt er den Vorzug ein vor der bloßen Musik, jene be-lehrt, diese ergötzt. Die bierloter, die Possenreißer und Gaukler beim Bier-gelage, verachtet er.
In einem seiner beiden weltflüchtigen Lieder legt der westfälische DichterReinolt von der Lippe 5 die biblische Parabel von den zehn Jungfrauen(Matth. Cap. 25) zugrunde, die höchzit als „Abendwirtschaft" darstellend, dieder junge König von Sion hält, ebenfalls mit einer „Glosse" vom versümenund der Mahnung wachet und sldfet niht.
Der Hinnenberger 6 (= Henneberger) hat ein eiferndes Temperament,wie ein Volksprediger fährt er sein Publikum an, Laien und Pfaffen; Erdeund Luft sind verflucht, wo sie dich unreines Fleisch berühren, besinne dich,unseliger Mann; oder: sich, menschen tier, sich, tamber leie; oder: verflucht seider falsche Mann, getoufter tiuvel, pfäch dich, satanas.
Vom Litschouwer, 7 einem Österreicher, ist ein Lobspruch auf die werdenSahsen zu nennen, sie haben al meistec löuwen muot, als ihre Haupttugend hebtder Erwerbssänger natürlich hervor ir gäbe ist z'aller zit bereit.
1 MSH. Bd. III u. biographische Notizen Seine Sprache ist md.: Roethe, Reimvorreden
Bd. IV; Holz, Jenaer Liederhs. Bd. 1; Karl S. 59. Seine Persönlichkeit ist auch durch
Bartsch, Untersuchungen z. Jenaer Liederhs., H. Schönhoff, ZfdA. 50, 124-9 (mit Nachtr.
Pal. 140, 1923. von Schröder) nicht nachgewiesen. — Die
2 Bartsch Nr. LXVIII; Roethe, ADB. 36, äbentivirtschaft ist = vesperie, Vorabend, Vor-405-8, Reinm., Reg. S. 640; Burdach, Reinm. spiel vor dem Turniertag.
S. 135. — Loewenthal S. 74 f.; K. Bartsch, 8 Holz S. 63-66.
Jen. Liederhs. S. 109 f.; Rodenwaldt, Fabel. 7 Wilmanns, ADB. 18, 783; Holz S. 73 f. —
3 Holz S. 58-62; Burdach, Reinm. S. 138 f.; MSH. II, 386 f., III, 46 ff.; Crecelius, ZfdA.Roethe, Reinm. S. 185 f.; K. Bartsch, Jen. 10, 281 f.; Martin, Anz. 3, 108; Kummer,Liederhs. S. 110. Herrand S. 64; Kluckhohn, ZfdA. 52, 154;
4 Roethe, ADB. 39, 322 f.; Holz S. 68-72. Schröder, ZfdA. 69, 335.6 Wilmanns, ADB. 18, 734; Holz S. 79-81.