Die einzelnen Spruchdichter 297
armer Teufel, dem zu Hause die Not aus allen Ecken sieht und die Kinder weinen.Die Herren wollen ihm für seine Kunst nichts geben, so will er demütiglich seineStraße ziehen als alter Jude, in langem grauen Bart, den Hut tief in den Kopf ge-drückt. Hier haben wir einmal ein wirkliches Lebensbild von Jammer und Elend,und selbst wenn es nicht eigenes Erlebnis eines jüdischen Verfassers und dieÜberschrift und Abbildung („ein Jude") unglaubwürdig sein sollten, so ist esdoch nicht Schablone, wenn auch die ganze Aufmachung an innerem Pathosverlieren würde.
Mit den gewöhnlichen Gehrenden will der Kanzler 1 nichts zu tun haben,er rechnet sich zu den künsterichen gernden und zeichnet in zehn Typen dieniedrigen Schmarotzer. Von den Edelleuten läßt er sich „her Kanzeler" titu-lieren, „ir kunnet Künste vir. Auch Minnesänger wollte er sein, aber seineSommer- und Winterlieder sind bloß erdacht und laufen immer echt lehrhaftauf einen Preis der Frauen aus.
Dietmar der Setzer und Reinmar der Videler sind wohl trotz derTitulierung her als Bürgerliche anzusprechen. Der erstere 2 bringt in seinenvier Moralsprüchen nichts Sonderliches, doch führt er eine kräftige, bilder-reiche Sprache. Bemerkenswert ist eine Spruchreihe Reinmars des Fiedlers 3mit der Mahnung zur Ehre, deren jede Strophe mit einem tageliedartigenKehrreim schließt, mit der Aufforderung zu wachen und sich nicht zu ver-säumen. Seine Hohnstrophe auf Leuthold v. Seven ist literarhistorisch vonWert, da sie eine Aufzählung von Liedgattungen enthält (s. oben).
Wie das Elend des Interregnums manche Spruchdichter bedrückte, so redetdavon auch Meister Kelin 4 in einem Klagespruch über dahingegangenepreiswerte Fürsten.
Woher der Helleviur 5 seinen erschröcklichen Teufelsnamen hat, ist ausSprüchen dieses in Sorgen alternden Fahrenden, die sich in dem gewöhnlichenmoralisierenden, politischen und gabeheischenden Geleise bewegen, nicht er-findlich. Es ist eben nur eine von den Geistlichen den bösen Spielleuten an-getane Brandmarkung.
Das beliebte Thema vom Übeln Lohn der Welt und der immerwährendenFreude hat der Moralsprecher Guotaere 6 in Anlehnung an Konrads v. Würz-burg Novelle in einer Spruchreihe ausgeführt.
1 BARTSCHNr.LXXVII; Wilmanns,ADB.15, Beitr. 33, 528 f.; Schönbach, ZfdA. 34, 217 f.;98; Burdach, Reinm. S. 137; Roethe, Reinm. Plenio, Beitr. 42, 425; Loewenthal, RätselReg. S.637;.Grimme, Rhein.-schwäb. Minnes. S. 71 f.; Schneider, Reallex. 2, 138.
S. 182-7. 287f.; Rodenwaldt, Fabel aaO.; 4 Holz, Jen. Hs. Bd. 1, 31-8; Wilmanns,
Harald Krieger, DerKanzler,e.mhd.Spruch- ADB. 15, 560; Burdach, Reinm. S. 135;
u. Liederdichter um 1300, Bonn. Diss. 1932. Roethe, Reinm. S. 220. 347; Kummer, Her-
2 Roethe, ADB. 34, 84 f. u. Reinm. S. 181; rand S. 69; Grimme, Rhein.-schwäb. Minnes.Kummer, Herrand v. Wildonie S. 64; Wall- S. 173-6. 285, Germ. 32, 417; Loewenthal,ner, Beitr. 33,531 f. (mit Lit.);RicH. Müller, Rätsel S. 75-7, dazu Wallner, Beitr. 44,ZfdA. 31, 101; Kluckhohn, ZfdA. 52, 154; 116f.; Rodenwaldt, Fabel. — Baechtold,Halbach, Stammlers Verfasserlex. 1,417 f. Gesch. d. dt. Lit. in d. Schw. Anm. S. 216;
3 Bartsch Nr. XXIX; Roethe, ADB. 28, Singer, Lit.-Gesch. d. dt. Schw. S. 44.
97 f. u. Reinm. S. 181 f.; Burdach, Reinm. 5 Holz, Jen. Hs. Bd. 1,56-8; Karl Bartsch,S. 134; Wilmanns-Michels, Walth. Ausg. Untersuchungenz. Jen. Liederhs., 1923, HOff.S. 428 f.; Kummer, Herrand S. 70; Wallner, 6 Bartsch Nr. LXXXIV; Holz S. 66 f., 78.