Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
294
Einzelbild herunterladen
 

294 Die Spruchdichtung

Sein tiefstes religiöses Erlebnis ist Maria; aber eben in den geistlichenSprüchen (1-22) besingt er die reine Magd und die Minne Gottes in irdischen Vor-stellungen (z.B. 19.20.35.43.46.47). Und so klingt sein religiöserLeich,derwieWalthers Leich nach der Trinität geordnet ist, stark an einen Minneleich an.

Außergewöhnlich einfach ist Reinmars Formsinn. Er hat, außer etwa 20Sprüchen und dem Leich, nur eine Weise, den Fraun-Ehren-Ton. Danachwird er von den Meistersingern (seit Regenboge) Ehrenbote, 1 auch Ehrenbotevom Rhein genannt. Er wurde zu den zwölf alten Singern gerechnet.

Bruder Wernher

An Ernst der Gesinnung steht der BruderWernher 2 Reinmar von Zweternahe. Auch er war wohl von Walther beeinflußt. Seine Heimat war Österreich.Dahin weisen verschiedene Herrensprüche, worunter einige auf Leopold VII.und Friedrich den Streitbaren sich beziehen. Andere zeugen von einem un-steten Wanderleben, das ihn nach Bayern, Schwaben, Ostfranken und an denRhein führte; auch an König Heinrich, Friedrichs II. Sohn, und an Kon-rad IV. sind Preissprüche gerichtet. Vielleicht war er ein fahrender Kleriker,und die TitulierungBruder" würde so viel besagen als Wallbruder, Pilger.Er selbst war sich seines Dichterberufes bewußt. Er nennt sich einen künste-richen varnden man und seine Sprüchesiieze". In die Politik greift er eindurch Mahnsprüche an den Kaiser und an den Papst. Er ist Anhänger Fried-richs IL, entfremdet sich ihm aber dann, ähnlich wie Reinmar. Einige Malebezieht er sich auf eine Kreuzfahrt, wohl die von 1228/29. Seine ungefähr70-80 moralischen, religiösen, politischen und Lobsprüche fallen etwa in dieJahre 1217-50. Sie gehören stilistisch durch Anschaulichkeit und Kraft desAusdrucks zu den besten Leistungen der Spruchdichtung nach Walther. DenZeitwandel zu wachsendem Pessimismus und schließlich zur Weltverachtung hatauch er mitgemacht. Die Meistersinger zählten ihn ebenfalls zu den zwölf altenMeistern (Zwierzina, Festschr. d. Rainer-Realgymn. aaO. S. 129 ff.).

Meister Sigeher. Meister Friedrich von Suonenburg

Ähnliche Politik wie Reinmar v. Zweter verfolgte Meister Sigeher, 3 dervielleicht mit jenem zugleich die Gunst des böhmischen Hofes genoß. Seinegelehrte, gespreizte Art und gekünstelte Versform unterscheidet ihn nicht zuseinem Vorteil von dem sittlichen Ernste Reinmars.

1 Gust. Rosenhagen, Der Ehrenb. vom W.s, Beitr. 44, 242-67; K. Bartsch, Unters.Rhein, Stammlers Verfasserlex. 1,513 f. z. Jenaer Liederhs., 1923, 96 ff.; Panzer,

2 Bartsch, Liederd. Nr. XLI; R. M. Meyer, Meier Helmbrecht 4. Aufl. S. X Anm. 1;ADB. 42, 74 ff.; Roethe, Reinm. Reg. S.642; Bolte-Polivka 1, 63 (Stelle); Schneider,Burdach, Reinm. S. 135. Nach Bartsch: Reallex. 2, 138 (Kreuzlied); s. auch Pinnow,Schönbach, Die Sprüche d. Br. W. I Wien. Polit.Spruchdichtg.

SB. 148, 1904, Nr. 7 und 150, 1905, Nr. 6 3 Bartsch Nr. LXIII; Burdach, Reinm.

(Ausg. u. Erklärungen); Henry Doerks, Br. S. 134; Roethe, Reinm. S. 223, 346 f.; Vogt,

Wernher, Progr. Treptow a. R., 1879; Holz, Beitr. 4, 97; Heinr. Pet. Brodt, Meister S.,

Ausg. der Jenaer Hs. Bd. 1, 12-31; Alois Germ. Abhandl. 42, 1913, dazu Ehrismann,

Bernt, ZfdA. 47, 237 ff. (eine Strophe neu DLz. 1913, 980 f., Helm, Lbl. 1915, 73 f.gefunden); Hans Vetter, Die Sprüche Br.