Die einzelnen Spruchdichter 293
Reinmar führt gleichsam die Spruchdichtung Walthers fort. Sicher zuge-wiesen sind ihm ungefähr 230 Strophen, dazu kommen vielleicht auch noch 20weitere. 157 Strophen in der Hs. D (Heidelberg Cod. Pal. 350,14. Jahrhundert)bilden eine einheitlich, sachlich geordnete Sammlung, die höchstwahrschein-lich auf Reinmar selbst zurückgeht. Sie umfaßt religiöse Sprüche Nr. 1-22,Minne 23-55, allgemeine Moral 56-124, politische Sprüche 125-147, Lobsprücheund Persönliches 148-157; die außerhalb der geordneten Sammlung, aberauch noch in D stehenden Nummern 158-229, die wohl später, nach dem böhmi-schen Aufenthalt, verfaßt sind, teilen sich in allerlei moralisierende Strophen,Bispel, Rätsel, deren manche auf ein vorgerücktes Alter des Dichters deuten.
Reinmars Darstellung bleibt in den Grenzen faßlicher Verständlichkeit, erwirkt nicht durch Rhetorik, doch weiß er den Stil durch Bilder zu heben unddurch Personifizierung zu beleben. Er prunkt nicht mit Gelehrsamkeit, auchhat er wohl nur eine mäßige Schulbildung genossen. In seiner Lebensauf-fassung tritt er uns als ein gewissenhafter und tüchtiger Mensch entgegen.Die persönliche Würde wahrend, läßt er sich nicht herab zu spielmannsartigenBettel- und Scheltsprüchen. Nicht ganz geklärt ist sein Umschwung in derPolitik und der Grund, weshalb er, der als eifriger Parteigänger des Kaisersheftige Angriffe gegenRom und den Papst geschleudert hatte, nachher sich gegenFriedrich II. wandte; er scheint darin einer unter den deutschen Reichsfürstensich verbreitenden Mißstimmung gegen Friedrichs Regiment gefolgt zu sein.
Reinmars dichterisches Werk ist getragen von einer stark ethischen Kraft.Die Gestalt der Frau Ehre (Roethe S. 215 ff.), die er als erster zu einer sofest bestimmten Persönlichkeit geschaffen hat, beherrscht sein sittlichesSystem. Es ist die Personifikation des Honestum, der Moralphilosophie. Vor-gestellt ist sie als junge Dame, begleitet von einem Hofstaat edler Gespielin-nen, das sind die Tugenden des Honestum. 1 Ohne Ehre kann niemand Gotterreichen. Aber noch eine andere Macht ist seinem sittlichen Empfinden einLeitstern, die Minne. Er ist ein Minnesänger in der Spruchdichtung. Die Ehreist ihm unzertrennlich verbunden mit der Minne. So treffen in seiner Morallehredie beiden Idealziele des Rittertums, Ehre und Minne, als höchste Wertmaßezusammen. Die Lebensanschauung des Spruchdichters Reinmar ist ritterlich-ständisch orientiert. In dieser innigen Vereinigung von Ehre und Minne, wo-bei er diese echt minnesängerisch recht leibhaft auffaßt, ist der Schritt getanzu der sinnlich-spirituellen Liebe des „süßen neuen Stils". 2
ZfdA. 42, 155 f. Anm. 12; Bonjour S. 9-15, r Das Honestum besteht aus den vier Kar-
dazu Rosenhagen, ZfdPh. 52, 478 ff. — Ur- dinaltugenden, die wieder in eine Reihe von
kundl. über Zeutern: Alb. Krieger, Topogr. Teiltugenden zerfallen, s. LG. II, 2, 23 u. Reg.
Wörterbuch d. Großherzogt. Baden, 1898, 933. S. 344.
— Über d. Grab R.s: H. Grauert, Abh. d. 2 Vossler, Die philosoph. Grundlagen zum
bayer. Ak. d. Wiss. 27, 1912, 499 f. — Ob R. „süßen neuen Stil", 1904; Wechssler, Kul-
blind gewesen ist? Vogt, Beitr. 48 aaO., da- turproblem S. 438-46, 447 ff.; Ehrismann,
gegen Wallner, ZfdA. 64 aaO.; auf die schon Ritterl. Tugendsystem, ZfdA. 56, 215 f. u.
MSH. IV, 510 wahrgenommene Beziehung des ZfdPh. 45, 307 f.; Schwietering, ZfdA. 61,
Bildes in der Hs. C zu dem Spruch 180 hat auch 81; Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 640 f.; Gün-
schon Pfaff aaO. hingewiesen. ther Müller, Walzels Handbuch S. 16, 17.