292 Die Spruchdichtung
losigkeit der Behauptungen verblüffend wirkt; man zerbricht sich den Kopf:was soll es bedeuten? Und damit steht der Lügenspruch dem Rätsel nahe.Ganz nach Art der mittelalterlichen Schule mit ihrer Disputationsmethodeist der Sängerwettstreit, in welchen das überlegene Selbstbewußtseinder Meister Triumphe feiern konnte. In der mittellateinischen und in derprovenzalischen Literatur waren poetische Wettstreite beliebt (Tenzone undjocs partitz, franz. jeu parti, geteiltez spil).
B. DIE EINZELNEN SPRUCHDICHTER 1
Die Masse der oft recht unbedeutenden Spruchpoeten läßt sich in zweiGruppen einordnen, je nachdem sie bloß auf die allgemeine „Laienbildung"rechnen, oder wie die „Meister" sich auf gelehrte Ansprüche stützen.
Reinmar von Zweter
An der Spitze der langen Reihe steht Reinmar von Zweter, 2 zeitlich undnach der Bedeutung seines dichterischen Werkes. An Fruchtbarkeit übertriffter alle andern Spruchdichter außer Frauenlob. Aus gelegentlichen Äußerungenin seinen Sprüchen erfahren wir über sein Leben: Von Rine so bin ich geborn,in Österriche envahsen, Beheim hän ich mir erkorn (Sp. 150). Die allgemeinenUmrisse seines Lebensgangs sind: geboren um 1200, kam er als Knabe ausseiner rheinischen Heimat nach Österreich, wo er am Wiener Hofe, auf Herren-gunst angewiesen, seine dichterische Laufbahn um 1227 begann. Um 1234(1236 ?) wandte er sich zu einem neuen Gönner, König Wenzel I . von Böhmen.Von 1241 an war er auf das Wanderleben eines Fahrenden angewiesen, dasihn an verschiedene mitteldeutsche Höfe führte. Bis 1247 sind seine Sprüchezu verfolgen. Nicht sicher erklärt ist der Name. Aus niederem Rittergeschlechtwird er wohl stammen. Die verläßlichste unter den handschriftlichen Über-lieferungen bietet Zweter, das sich aber lautlich kaum mit Ziutern, heuteZeutern, 3 einem bei Bruchsal gelegenen Dorfe, wo ein Rittergeschlecht an-sässig war, vereinigen läßt.
1 Da sich die Spruchdichter von den Minne- Gesch.forschg. 32, 1911, 225-48; Kochs, D.sängern nicht schematisch scheiden lassen, dt. geistl. Tagelied, 1928; Rätsel: Petsch,sind die adeligen Spruchdichter (außer Rein- Beitr. 41, 332-46; Wellner, ebda 44, 110 ff.;mar v. Zweter) schon oben unter dem Minne- Loewenthal S. 51-64. 144-6. 150. Leich:sang angeführt. Steller, Beitr. 45, 364 ff. Euling, Priamel
2 Bartsch, Liederd. Nr. XL;Roethe, ADB. S.440. 466 ff. u. ö. Bolte-PolIvka 2, 22128, 98 ff.; Ders., R. v. Zw., Herkunft u. Auf- (Spruch bei Roethe S. 438 Nr. 54). — Zuenthalt in Österreich unt. Leopold VII, Leipz. Hss.: Scheel, Festg. f. Weinhold, 1896, 47f.;Diss. 1883. — Ausg.: Gust. Roethe, Die Ge- Roethe, ZfdA. 41, 243 f.; Bernt, ebda 47,dichte R.s v. Zw., 1887 (für die Spruchdichtg 237 ff.; Burdach u. Roethe, Preuß. Ak.das grundlegende Werk), dazu Strauch, Anz. 1921, 143; Wallner, Anz. 38, 116; zum16, 97-108, Seemüller, DLz. 1887, 94-6, Cbl. „Kasseler Fund": Vogt, Beitr. 48, 124-8,1887, 1570 f. (Paul.).— Lit. nach Bartsch 4 : Wallner, ZfdA. 64, 83 ff.; Rosenhagen,Edgar Bonjour, R.'v. Zw. als polit. Dichter, Stamml.Verfasserlex. l,513f. — Stellen:PAUL,1922, dazu Rosenhagen, ZfdPh. 52, 478-83; Beitr. 43, 355 f.; Wallner, ebda 44, 110-5;E. Michael, R. v. Zw. u. s. Papstsprüche, Luise Berthold, Beitr. z. hd. geistl. Kontra-Zfkath. Theol.29,1905, H.3; Maximil. Buch- faktur, Marbg. Diss. 1918 Auszug S. 30.ner, Üb. d. Entstehg u. d. Dichter d. „Kur- 3 Gegen Roethes dahingehende Erklärungfürstenspruches". Mitteil. d. Inst. f. österr. s. Pfaff, Alem. 20, 1892, 293-5; Kluckhohn,