Allgemeiner Teil 291
Laster werden vorgetragen. Beliebte Themata sind: Preis der reinen Frauenund der weiblichen Tugenden, der treue und der falsche Freund, das wandel-bare Glück (Glücksrad, Burdach, Vorspiel I, 1, 79 f. mit Lit.), Aufklärungüber Habsucht, Wucher, Verschwendung, Trunkenheit, Spiel, Verleumdungund Lüge. Großenteils aber bewegen sich diese moralisierenden Betrachtungenin der Umwelt der Fahrenden, dem Hof leben, und dann werden sie zu Standes-lehren für die Herren. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit werden gefordert,vor allem mäze und Ehre; edel ist nicht der adlig Geborene, sondern der, deredel handelt. Unmittelbar berührt sich der Spruch mit der höfischen Ideal-welt, wenn er das Wesen der Minne auseinandersetzt und Vorschriften für dieMinnenden erteilt. Auch stellt sich der pessimistische Zug der Epigonenzeitein, die Klage über das Schwinden der guten alten Zeit.
Im religiösen Spruch leitet der Dichter seine Hörer von der menschlich-gesellschaftlichen Moral zu den transzendenten Fragen über Gott und Welt.In persönlicher Aussprache sucht sich das Gemüt dem Göttlichen zu nähernin kontemplativen Sprüchen: im Bittgebet an Gott, an die Trinität, an denErlöser, an die Gottesmutter, oder im Marienpreis, im Weihnachtsspruch, inder Sündenklage. In manchen geistlichen Sprüchen erkennt man das beson-dere Merkmal der „Meister", die Gelehrsamkeit, wenn sie ihr dogmatischesWissen und ihre biblischen Kenntnisse ausbreiten. Auch auf naturwissenschaft-liche Erörterungen erstreckte sich die scholastische Gelehrsamkeit der Spruch-dichter, und aus dem Philologus bezogen sie geistliche Allegorien. Seltenersprechen sie sich über Begriff und Herkunft ihrer Kunst aus, über den Zweck,durch Gesang und Saitenspiel zu erfreuen.
Das Hauptinteresse der Fahrenden und Gehrenden drehte sich aber dochum ihre eigene Person (persönliche Sprüche). Daher die häufigen Klagenüber ihre Armut, die Hervorkehrung der Gegensätze von reich und arm, Wirtund Gast. Dienst und Lohn sind die Pole ihrer Wertordnung. Angewiesen aufdie Gunst der Herren, schätzten sie diese je nach ihrer Freigiebigkeit oder ihrerKargheit ein und sangen Lobsprüche auf die Gönner, auch Totenklagenauf ihr Hinscheiden, oder Scheltsprüche auf die, die sich nicht um sie be-kümmerten. Nicht weniger unerfreulich als die Bettelei ist der Geschäftsneid,der sich in Hohnsprüchen auf Kunstgenossen gütlich tat. Doch eben deregozentrische Standpunkt dieser Dichtweise gewährt mancherlei autobio-graphische Anhaltspunkte.
Eindrucksvoll durch Anschaulichkeit wirken die Sprüche, wenn sie in er-zählende Form eingekleidet sind: ein bispel (nhd. umgedeutet in „Beispiel")ist eine Erzählung, spei, „bei der noch etwas zu verstehen ist" (Mhd. Wb. II,2,491; LG. 1,60), also eine sinnbildliche Erzählung. So werden allgemeineLehren in der Form einer Tierfabel oder einer Parabel versinnlicht. DiePersonifikation von Tugenden und Lastern ist ein Schritt dazu. Auf Span-nung hat es die Priame labgesehen. In dem auf Häufung beruhenden Bau istmit ihr die Lügenstrophe verwandt, die durch die Sinn- und Zusammenhangs-
19*