290 Die Spruchdichtung
Literat, auch er lebt von der Gunst der Hofherrschaften (s. den Spruch desMeißners, MSH. III, 101 b ), aber seine Absicht ist sozialethisch gerichtet. Erbeurteilt die politischen Weltläufte, er belehrt über die sittlichen und reli-giösen Normen, aber es ist ihm auch um sein persönliches Wohlergehen zutun. Danach läßt sich das Gebiet der Spruchdichtung in großen Umrissenordnen in politische, moralische, religiöse und persönliche Sprüche. 1Die Weltpolitik ist bestimmt durch das Verhältnis der zwei herrschendenMächte Kaisertum und Papsttum. Auch in der deutschen Spruchdichtunghat der Gegensatz Widerhall gefunden, zumeist in einem matteren Nachklangvon Walthers leidenschaftlicher Parteinahme zugunsten des Kaisers. Auch dieSchäden in den inneren Zuständen des Reichs werden erkannt und ansLicht gezogen. Die Zeitgeschichte selbst entscheidet die Stellungnahme derDichter: politische Kampfstimmung herrscht unter der Regierung Fried-richs II. und Konrads IV., Klagen über den Verfall des Reichs treten hervorin der Zeit des Interregnums, innere Reichspolitik beschäftigt die Dichtervor allem unter Rudolf von Habsburg, und das Zurücktreten äußerer Macht-fragen läßt persönliche Angriffe gegen diesen sparsamen Haushalter auf-kommen.
Die bedeutungsvollste Aufgabe des Spruchdichters war die Sittenlehre.Hier konnte er seinen Beruf als sozial bildender Kulturträger am wirksamstenerfüllen, und die moralischen Sprüche, anfangs wohl mehr sprichwort-ähnlich, gehören zum alten Bestand der lehrhaften Kleindichtung. Wiewohlsich die Gediegenen unter den Spruchdichtern ihres hohen Berufs bewußtwaren, zeigt das selbstbiographische Bekenntnis des Meißners: Ez vräget ma-niger waz ich kunne. Ich spriche: ich bin ein lerer aller guoten dinge Unt bin einrätgebe aller tugent, ich hazze schände (MSH. III, 103 Nr. 4; Hertz, Spiel-mannsb. 1 S. XL und 305). Allgemeingültige Belehrungen über Tugenden und
1 Lit. über die Stoffe der Spruchdichtung: Kunsttheorie: Vie'tor, Beitr. 46, 85-124;Bartsch, Liederd. 4 S. XXII ff.; Roethe, Schwietering, Demutsformel S. 42 ff.;Reinmar S. 176-257; Nickel, Sirventes u. Brinkmann, GRM. 1927, 193 f., Wesen undSpruchdichtg; Johanna A. Nijland, Ge- Form S. 10 f. — Tierfabel: W. Grimm, Tier-dichten uit het Haagsche Liederhs., 1896, 60 fabeln bei d. Meistersängern, Kl. Sehr. 4, 366-70; Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 76 -94 (15. Jh.); R. Rodenwaldt, D. Fabel in-85. Siehe oben (Gattungen). — Politik: d. dt. Spruchdichtg. d. 12. u. 13. Jhs., Progr.Karl Menge, Kaisertum u. Kaiser bei d. Berlin 1885, dazu Strauch, DLz. 1886, 223 f.;Minnesängern, Progr. Köln 1880; H. Drees, P. Sparmberg, Zur Gesch. d. Fabel in d. mhd.D. polit. Dichtg. der dt. Minnesänger seit Spruchdichtg., Marbg. Diss. 1919, dazuWalther v. d. V., Progr. Wernigerode 1887, Strauch, DLz. 1919, 356 f. — Lügenmär-dazu R. Becker, Lbl. 1888, 294; H. Pinnow, chen: Uhland3, 223-37u.Anm.; K.Müller-Untersuch. z. Gesch. d. polit. Spruchdichtg. Fraureuth, Dt. Lügendichtungen bis aufim 13. Jh., Bonn. Diss. 1906; Eugen Müller, Münchhausen, 1881. — Bispel: Schneider,Beiträge z. Kenntnis d. öffentl. Meing. wäh- Reallex. 3, 288. — Rätsel: Uhland 3, 203rend des Interregnums, Heildelb. Diss. 1912; -22 u. Anm.; Fritz Loewenthal, Stud. z.W. Geisler, Fürsten u. Reich in d. polit. germ. Rätsel, 1914, dazu Ranisch, DLz. 1915,Spruchdichtg. d. dt. MA.s nach Walther 1599, Abt, Lbl. 1916,41-3; R. Petsch, Rätsel-v. d. V., 1921. — Philosophie: H. Lüdtke, stud., Beitr. 41, 332-46. — Streitgedicht:Stud. z. Philosophie der Meistersänger, Pal. LG. I, 56 f. II, 2, 152 ff. II, 3 Reg. — Toten-107,1911, dazu E.Geiger, Anz. 35, 216-24, klage s. ob. — Spruchdichtung und bil-Götze, DLz. 1912, 424f.; Helm, Lbl. 1914, dende Kunst: Burdach, Vorspiel I, 1,76.276 f.; s. Kiessling unt. bei Frauenlob. —