Allgemeiner Teil 289
das Alltagsmaß hinausgehendes Wissen Eitelkeit und Protzentum. Doch inden meisten Sprüchen herrscht eine ehrenwerte Gesinnung.
In den Namen einiger bürgerlichen Spruchdichter drückt sich die unadligeHerkunft aus. Sie lebten gerade in der Zeit des Aufkommens der Familien-namen im 13. Jahrhundert. So sind geographisch nach der Heimat genannt:der Hinnenberger (= Henneberger), Urenheimer, Litschouwer, Reinold vonder Lippe, der Meißner, Heinrich von Meißen; nach dem Stand: der Schul-meister von Eßlingen, Bruder Wernher, der tugendhafte Schreiber, Rudolfder Schreiber. Schon richtiger Familienname ohne Beziehung auf den Standsind die Namen Marner und wohl auch Kanzler sowie Stolle, Regenboge. EchteBerufsnamen vom Sängergewerbe tragen: Reinmar der Fiedler, Singüf, Rüm-zlant (Räume das Land, vom Fahrenden, der heimatlos immer wieder das Landverläßt), auch Frauenlob, Suchenwirt, Suchensinn. Stolze Namen tragenSigeher, der Unverzagte, völlig spielmännisch klingt der Teufelsname Helle-viur, so etwas wie Teufelsbraten, den Berthold von Regensburg in seiner10. Predigt (Pfeiffer 1,156) unter den Namen aufzählt, die den vermaledeitenSpielleuten gehören (s. auch Wackernagel, LG. 1 2 , 132 Anm.; Namen Uhland3, 203 f. 306 f.; LG. II, 1, 285 Anm. 1).
Eine Art der Abstufung ergab sich durch den intellektuellen Gehalt derDichtungen. Eine bevorzugte, oder doch sich erhaben dünkende Klasse bürger-licher Spruchdichter bildeten die „Meister", 1 die durch eine aufgetrageneGelehrsamkeit sich hervortaten und höhere Kenntnisse lehrten, Kunst immhd. Sinne, wo ars als Wissenschaft aufgefaßt wird, aufgebaut auf densieben freien Künsten (d. i. Wissenschaften). Ihre Kunsttheorie war, daßman Dichten lernen könne. Kunst ist Studium, Wissenschaft. Diese aufihr scholastisches Wissen eingebildeten „Meister" sahen oft mit Gering-schätzung auf die gewöhnlichen, handwerksmäßigen Fahrenden und Gehren-den herab.
Inhalt und Gehalt der Spruchdichtung
Das ideale Erlebnis des Minnesangs wurzelt in einer Verfeinerung des Ge-fühlslebens und bedeutet eine zarte Seelenbildung bei edler Formenpflege.Auch die Spruchdichtung hat starke Kulturwerte, aber sie dringen nicht indie Tiefe des Gemüts, sie ruhen auf rationalistischer Basis. Der Rahmen fürden Minnesang ist die Hofgesellschaft eleganter Damen und Herren, derSpruchdichter richtet seine Regeln zugleich an die breite Öffentlichkeit. Erist Lehrer und Ratgeber, Politiker und Popularphilosoph, Aufklärer und
1 Jakob Grimm, Beweis, daß der Minnesang tering, Demutsformel S. 51-70; Stammler,
Meistergesang ist, 1807, Kl. Sehr. 4, 12-21; Die Wurzeln des dt. Meistergesangs, Dt. Vier-
Ders., Über d. ad. Meistergesang 1811; Uh- teljschr. 1, 529 ff.; Naumann, ebda 2,787 ff.;
land 2, 284 ff. 3, 204. 208. — Fr. Grimme, Günther Müller, Walzeis Handb. 1927
Die Bezeichnungen her u. meister in d. Pariser S. 14 ff. — Siehe diese LitGesch. Bd. 4 unter
Hs. der Minnesinger, Germ. 33, 437^8; O. Meistersinger.Plate, Straßb. Stud. 3,1888,156 ff.; Schwie-
19 Deutsche Literaturgeschichte IV