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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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288 Die Spruchdichtung

fassung, auch eine Neigung zur wissenschaftlichen Wertung, zur Gelehrsam-keit. Auf solcher Grundlage aber beruhte eben die Spruchdichtung, die somitdem Geist der Zeit entsprach.

Stand und Leben der Spruchdichter

Regel ist es auch nach Walther, daß der Minnesang ein Vorrecht des Adelsbleibt, während den sozial niederer geordneten bürgerlichen Berufsdichterndie Spruchdichtung als Arbeitsfeld zusteht; doch ist diese Scheidung durch-brochen : Adlige ahmten Walthers Spruchdichtung nach, Bürgerliche singenauch von Minne. 1 Allerdings vereinigt keiner so wie Walther die beidenKunstweisen in gleicher Höhe, und das Minnelied behauptet immer denhöhern Rang in der künstlerischen, besonders musikalischen Ausführunggegenüber dem mehr populären, formal weniger ornamentierten Spruch.Anders lagen die Kulturverhältnisse im östlichen Mitteldeutschland und inNiederdeutschland, hier bestand eine soziale Trennung auch nach Waltherzwischen adligen Minnesingern und bürgerlichen Spruchdichtern, und umdie Mitte des 13. Jahrhunderts entsproßte dort der Liebeslyrik in der Pflegeder Fürsten eine zweite, bescheidene Blüte (s. oben).

Die bürgerlichen Berufsdichter machten aus ihrer Kunst ein Gewerbe zumUnterhalt ihres Lebens. Dieses mag bewegt genuggewesen sein. Viele Gehrendezogen heimlos umher, nicht viel höher geschätzt als die Spielleute, die wan-dernden Musikanten und Mimen. Wir sehen den fahrenden Mann, wie er seineStraße ziehend auf seinem müden Klepper der fremden Herberge zutrottet,oder neue Hoffnung auf ein fettes Trinkgeld schöpft beim Anblick eines Her-renhauses, wie er vor der vornehmen Gesellschaft seine Kunst zum bestengibt, den hohen Gönner preist, oder auch dem Hörerkreise ernste Lehren er-teilt, um nach getaner Unterhaltung, wenn er Glück hat, mit einem getragenenGewand oder sogar mit einem Pferd beschenkt 2 seine Wanderschaft von neuemzu beginnen. Anderen wurde ein glücklicheres Los zuteil: die etwa schon durchbessere Herkunft und größere Bildung in höherem Ansehen standen, oder durchstarke Kunstbegabung zu literarischer Berühmtheit gelangt waren, konntenan Fürstenhöfen eine dauernde Stellung erlangen. Der Beruf wirkt auf dieFormung des Charakters: sie leben von der Gunst der Reichen und werdenbettelhaft, sie suchen sich hervorzutun durch Prahlereien und Wichtigmachen,die Konkurrenz mit Standesgenossen erzeugt Neid und Schimpflust, ihr über

1 Adlige verfassen Sprüche: Reinmar Lob nehmen: Burdach, Reinm. S. 132;v. Zweter u. s. oben Tannhäuser, Seven, Ha- Hertz, Spielmannsbuch 1 S. XXXI f. Lit.wart, Singenberg, Wengen, Ringgenberg, zu den fahrenden Spruchdichtern: Müllen-Teufen, Pfeffel, Hardegger, Wizlav; Bürger- hoff, Zur Gesch. d. Nibelunge Not S. 20;liehe singen von Minne: der Marner, der Kanz- Scherer, Dt. Stud. I; Burdach, Reinm.ler, Meister Alexander u. s. oben Konrad von S. 130-9 u. Reg. S. 231; Roethe, Reinm.;Würzburg, Teschler, Winli, der Dürner, Wal- Piper, Spielmannsdichtg., Kürschners Dt.ther v. Breisach, Rudolf der Schreiber, der Nat.Litt. 2, 37 ff.; Naumann, Dt. Vjschr.Düring (s. Roethe, Reinm. S. 178-83). 2,791 f. LG. II, 1, 284 ff. II, 3, und im

2 Guot umb ere nemen, Lohn für gespendetes folgenden mit den einzelnen Spruchdichtern.