Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

III. DIE SPRUCHDICHTUNG

A. ALLGEMEINER TEIL

Lit.: Bartsch, Deutsche Liederdichter, 4. Aufl. v. Golther, 1901; Scherer, Spervogel,Dt. Stud. I, Wien. SB. 64, 1870, 283 ff., 2. Aufl., Dt. Stud. I u. II, besorgt von Heinzel, 1891;Burdach, Reinmar d. Alte u. Walth. v. d. Vogelw., 1880, 2. Aufl. 1928; Roethe, Die GedichteReinmars v. Zweter, 1887; Schneider, Reallex. 3,287-93; Stammler, ebda 4, Nachträge S. 58-65.LG. I, 53-55 u. Reg. S. 467; II, 1, 284 ff. u. Reg. S. 357; II, 2 Reg. S.348; s. diesen Band 11,3oben S. 1 ff. Die weitere Literatur s. in den folgenden Anmerkungen.

Geschichte der Spruchdichtung

Lebenserfahrung und religiöse Weltanschauung, in sprichwörtliche und auchin poetische Form gefaßt, gehört zu den Früherzeugnissen einer Volkskultur.Reich an solcher Spruchweisheit ist die altnordische Literatur, und Gedankendes Hävamäl kehren in der mhd. Spruchdichtung wieder. 1 Wandernde Sängerund auch Hofdichter mögen schon in der Frühzeit, in den germanischenStammesreichen, mit den Heldenliedern auch solche in Verse gebundeneSpruchweisheit vorgetragen haben. Auch aus der älteren mittelhochdeutschenZeit haben sich einige Sprüche erhalten: 2 Die beiden Dichter, deren Sprüchedie Handschriften unter dem Namen Spervogel überliefern (s. oben), sinddie Ausläufer einer früheren Gattung der Spruchdichtung von einfacherenFormen und leicht faßlichem Gehalt. 3 Walther von der Vogelweide hat dieseKleindichtung zu einer literarisch anerkannten Wortkunst erhoben, er hatihre Geschichte in neue Bahnen gelenkt. Er ist der erste, der Minnelied undSpruch zusammen beherrschte. Zugleich adligen Standes und doch ein Fah-render, hat erden Spruch sozial erhöht, sein Gebiet erweitert und hat ihn zueinem weltpolitischen Organ ausgebildet. Von ihm ist die ganze folgendeSpruchdichtung abhängig, entscheidende neue Motive sind außer den ge-lehrten Strebungen nicht hinzugekommen, doch ist das dichterische Pathosgeringer geworden. Um die Mitte des Jahrhunderts, als die Blütezeit desRittertums abzusterben begann und das Bürgertum zu Machtmitteln undAnsehen gelangte, machten sich die Anzeichen eines neuen Kulturbewußtseinsbemerkbar. Ein realistischer und praktischer Zug kommt in die Lebensauf-

1 Müllenhoff, Dt. Altertumskunde 5, 1883, welche sie gewiß auch im Lauf der Zeit be-282; R. M. Meyer, D. altgerman. Poesie einflußt wurde (Nickel, Sirventes u. Spruch-nach ihren formelhaften Elementen beschrie- dichtg., Pal. 63, 1907, dazu R. M. Meyer,ben, 1889; H.Naumann, Dt. Vjschr. 2, 777 Anz. 32, 234 f.; Brinkmann, Entstehungs--94. Siehe LG. I, 53-5 u. Reg. S. 467. gesch. d. Minnesangs, 1926, 83 ff.). Endlich

2 MSD. Nr. XLIX; Scherer, Dt. Stud. 1,35 ist bei den fahrenden Sängern und ihrer Vor-[39]; Übermuot diu alte, MSD. II 3 312 f.; Stellungswelt auch an die nahen BeziehungenScherer, QF. 12,1875, 109; Schönbach, Zf- zu den latein. Vaganten zu erinnern, mit denendA. 38, 136 f.; Hildebrand, ebda 39, 5; Bur- sie vom Schulwissen her manche Motive ge-dach, Walther S. 267 f., Vorspiel I, 1, 58 f. mein haben (Moll, Einfluß d. lat. Vaganten-Kögel, Gesch. d. dt. Litt. I, 2, 191; LG. I, dichtg., s. ob.; Brinkmann, Entstehungs-53-7. gesch. S. 76-85). Elise Walter, Verluste

3 Die mhd. Spruchdichtung ist mit der pro- auf d. Gebiet der mhd. Lyrik, 1933, Spruch-venzal. Gattung Sirventes verwandt, durch dichtung S. 97-125.