286 Die lyrische Dichtung
lav(IIL) von Rügen 1 (reg. 1302-25) gebrauchte, wie die andern Nieder-deutschen, das Mitteldeutsche als Dichtersprache, doch mit niederdeutschenAusdrücken, besonders in den Reimen. Eine gewisse manchmal durch-brechende Natürlichkeit bringt uns seine sonst in dem herkömmlichen Geleisesich bewegenden Minnelieder (14) näher: Aufgeschlossen ist der Schrein,meine Fraue macht sich fein, sie tritt heran, als ob sie spräche: „Seht mich an,ihr Mädchen, Weib und Mann" (Nr. 11). Am besten gelungen sind ihm diefröhlichen Maitanzlieder; sein Herbstlied in der Manier Steinmars und Had-laubs ist nicht so wirtshausmäßig. Seine Stärke aber liegt in der Komposition;seine Lieder sind nur in der Jenaer Hs enthalten, mit Melodien. Auch dasFormenspiel des Strophenbaus deutet auf Sangbarkeit. Entgegen der Ge-pflogenheit der vornehmen Minnesinger hat er auch Sprüche verfaßt (13).In diesen, meist religiösen, auch moralisierenden Inhalts (nur ein Huldigungs-gedicht ist darunter, an den Grafen Erich von Holstein, und ein Rätsel), ister nur Nachahmer, ja selbst Ausschreiber früherer Spruchdichter.
Stark mundartlich gefärbt in Sprache und Wortschatz sind zum Teil die7 Liederdes Herzogs Johann von Brabant (gest. 1294; er erscheint inKonrads von Würzburg Turnei von Nantheiz). Besonders anmutig ist diePastourelle (Nr. 2), in der alles Anzügliche vermieden ist. — Hier sind anzu-schließen die niederländischen Minnesprüche von einem ungenannten Berufs-dichter aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts. 2
König Konrad der Junge (Konradin, geb. 1252, gest. 1268) ist durch2 konventionelle Minnelieder vertreten. Eine tiefere Bedeutung gewinnen dieletzten Worte seines zweiten Liebeslieds für den, der das tragische Schicksaldieses Jünglings bedenkt: ich weiß nicht, was Minne ist, ich bin der Jahre einKind. 3
Die uns in den Handschriften überlieferten Lieder sind nur Bruchstückeaus dem reichen lyrischen Dichterwald des Minnesangs. Die meisten Gelegen-heitsgedichte wurden gar nicht aufgeschrieben, viele in weiteren Umlauf ge-setzten Lieder sind verloren. Wir besitzen noch einige Namen untergegangenerDichter (Wackernagel, LG. 1 2 , 306 Anm. 24, auch S. 296 Anm. 38).
1 Bartsch, Liederdichter Nr. LXXXIV; 617 f., Ehrismann, Lbl. 1930, 85 f., Piquet,
Ausg.: Ettmüller, 1852; weitere Lit. bei Rev. germ. 20, 1929, 162.
Bartsch ; dazu: Erich Gülzow, Der älteste 3 Der Verf. ist nicht Konradin, sondern Kö-
pommersche Dichter, Unser Pommerl. 10, nig Konrad IV: Karl Weller, Württemberg.
1925, 451-55. Vierteljahrsschr.f.Landesgesch.NF.34,37^3;
3 Erik Rooth, Ein neuentdeckter niederld. Schröder, Anz. 50, 91 f.; Ders., GRM. 20,
Minnesänger aus d. 13. Jh., Lund 1928, dazu 7/8, 1932.Schröder, Anz. 47,186, van Dam, DLz. 1929,