Der Osten. Niederdeutschland 285
Kultur. Sie folgen der Tradition, ihre dichterischen Gedanken bewegen sichin dem herkömmlichen Kreise, wobei, wie das bisher überall zu beobachtenwar, einzelne eigene Züge aus der Fläche hervorstechen.
Der Herzog von Anhalt 1 (Heinrich I., regierte 1212-45), des Land-grafen Hermann von Thüringen Schwiegersohn, zieht kräftig gegen die bösenSchalke los, die seine Minne anfeinden. Zart ist das zweite seiner beidenLieder: Tritt weg, laß mich den Wind anwehen, der kommt von meines Her-zens Königinne. Der Markgraf Heinrich (III.) von Meißen (lebte 1218-88, Sohn Dietrichs von Meißen, des Gönners Morungens und Walthers,6 Lieder) ist stark ethisch gerichtet; zuht verlangt er, die sich selbst be-wahrt und keine Wächter und Hüter braucht. Auch der Markgraf Otto(IV.) von Brandenburg (reg. 1266-1308, 7 Lieder) hat eine hohe Meinungvon der Minne: sie lehrt, von der Sünde zu lassen und macht ein frohes Herz.Leider besitzen wir von dem Herzog Heinrich (IV.) von Breslau (reg.1270-90) nur zwei Minnelieder. Sie zeugen in ihrer lebendigen Verkörperungder Natur und in ihrer dramatischen Vorführung, dazu in ihrem kontrast-wirksamen Abschluß von einem dichterischen Einbildungsvermögen. UnterKönig Wenzel I. und Ottokar herrschte am böhmischen Hof durchaus deut-sche Sprache und Kultur, beide Fürsten wurden von deutschen Dichtern alsGönner gepriesen. König Wenzel II. von Böhmen (Sohn Ottokars, gest.1305) übernahm den Kunstsinn seiner Vorfahren, wofür er ebenfalls das Lobverschiedener deutscher Dichter erntete. In dem dritten seiner 3 Lieder,einem Tagelied, bringt er eine eigene Auffassung an: es wird über die Ablohnungdes Wächters verhandelt! Aber vereinzelt steht im Minnesang ein Vers wie:ich brach der rösen niht, unt hat ir doch gewalt (MSH. I, 9a).
Mit dem schönen Spiel der Sangeskunst schmückten auch die norddeutschenHöfe ihr gesellschaftliches Leben, indem sie fahrende Spielleute vortragenließen oder, wenn sie es vermochten, selbst produktiv waren. Der Fürst Wiz-
1 Anhalt: Bartsch, Liederd. Nr. XXVII; S. 164. 226. 349, Reimvorreden S. 60 ff. 66.
Roethe, Reiqworreden S. 59. H. v. Meißen: 87; Roethe, Der Ungelehrte, ADB. 39, 280f.;
Bartsch Nr.Till; Roethe, Reinm. S. 76; O. Knoop, Fürst W. v. R. u. d. Ungelarte,
Rosenhagfn, Stamml. Verfasserlex. 2, 299; Balt. Stud.33, 1883, 272-89, s. auch ebda 34,
Stelle: ÖHMANN,Neuphilol. Mitteil. 31, 1930, 277-308; Wallner, Beitr. 33, 540-2; Loe-
235 f. Otto v. Brandenburg: Bartsch wenthal, Stud. z. germ. Rätsel, 1914, 67-9,
Nr. LXXX; Burdbach, ADB. 24, 661-63 dazu Wallner, Beitr. 44, 115; Günth. Mül-
u. Reinm. 2 S. 417-19; Roethe, Reimvorreden ler, Dt. Viertelj. 1,1923, 90 ff.; Alb. Döl-
S. 59. H.v. Bresslau: Bartsch Nr. LXXXI; ling, Die Lieder W.s III. v. Rügen, klangl. u.
Heinr. Rückert, Kl. Sehr. 1,1877, 211-7; musikal.untersucht, Leipz. Diss. 1926, Masch.-
Konr. Wuttke, D. Minnes. H. v. Pressela in dr. Joh. v.Brabant: BARTSCHNr. LXXXII;
d. bish. Beurteilg., Zs. d. Ver. f. Gesch. Schle- H. Boerma, Tijdschr. f. nederl. Taalk. 15,
siens 56, 1922, 1—32; Wenzel v. Böhmen: 1896, 220-381 teilt die Lieder in ursprüngl.
Bartsch Nr. LXXXIII; s. auch Martin, mittelniederl. u. mhd.; Kalla, Haager Lieder-
Anz. 3,108; Just. Lunzer, ZfdA. 53, 260-74. hs. (s. ob.) S. 10 f. zweifelt an d. Verfas-
Wizlav: Bartsch Nr.LXXXIV; Pyl, ADB. sersch. Joh.s v. Brab. — Schröder, Stud.
43,684-8; Erich Gülzow, D.Fürsten Wizl.v. zu K. v. Würzb. V, Gott. Nachr. 1917, 126.
R. Minnelieder u. Sprüche, in Pyls Ubersetzg. Kön. Konrad: Bartsch Nr. LXV; K. Wel-
neuhgb. mit einer Einführg. in W.s Leben u. ler, Württembg. Vierteljahrshefte f. Landes-
Dichten, 1922, dazu Günther Müller, Dt. gesch. NF. 34, 1928/29, H. 1/2.Vjschr. 5, 1927, 123. — Roethe, Reinm.