Die Schweiz (Steinmar. Hadlaub) 281
Zechlied. Damit hat Steinmar die später beliebte Gattung der Schlemmer-und Martinslieder begründet (Neumann S. 85-94; Meißner S.94ff.).
Johannes Hadlaub, 1 Bürger in Zürich (1302 kauft er ein Haus, war ver-heiratet, f vor 1340), ist geschichtlich in der Literatur bekannt durch seinenBericht über die Liedersammlungen derManesse (Nr. 8, s.oben). NachahmerSteinmars, doch eine weichere Natur, besitzt er nicht dessen urwüchsigesdichterisches Talent und auch nicht seine Sprachgewandtheit (54 Lieder, diegrößte Zahl, die wir von einem Schweizer besitzen). Er ist so recht ein Ver-treter der nach dem Absterben der Ritterromantik zur Herrschaft gelangtenbürgerlich-nüchternen Richtung. Er dichtete noch eine Masse konventionellerMinnelieder, wobei er doch oft eigene Eindrücke einfließen läßt: er sieht dieFrauen in schönen Baumgärten oder auf der Straße gehen, den Winter beklagter, weil die bergenden Gewänder den süßen Anblick verhüllen; auch tadelter aus diesem Grunde die breiten Hüte, die in Österreich Mode sind (Nr. 11).Aber man spürt doch, daß ihm die ritterlich höfischen Formen nicht mehrinnerlich geläufig sind. Seine 4 Tagelieder sind philiströs: si lät in käme varn,er sol si läzen weinen rät der furchtsame Wächter (14,14), wir suln uns län ge-nüegen, daz wir die naht warn frcelich sament gar tröstet die Frau (34, 20, s.ferner Nr. 33. 50, verwandt ist das Abendlied Nr. 51, in dem die Frau den Ge-liebten einläßt). Der Abstand der rohen Epigonenmanier gegen die zarteKunst, den edeln Stil der Blütezeit tritt grell hervor in zwei Liedern (Nr. 35.41), in denen Hadlaub Walthers „Unter der linden" nachahmt: der feine Duftist weg und roh-sinnlich ist der Schluß. Aber in der Schilderung des Blumen-bettes, in der er sich nicht genug tun kann mit der Aufzählung all des Schönen,womit er das Lager ausstatten will, kündet sich schon der Stil des späterenVolkslieds an. Und doch hat dieser Züricher Hausbesitzer in seiner Jugendeinen Minneroman gehabt, wie es höfische Sitte war. Lichtenstein stellt Minne-leben episch dar, Hadlaub flicht es in einen Liederkranz, und in diesen Liederngibt er sein Bestes, seine individuellen Erlebnisse (Nr. 1-6). Sie sind harmlos,aber gerade die naive Wirklichkeit dieser Kleinmalerei hat besondere Reize.Als er vor der Geliebten stand und sie ihn hart behandelte, schwanden ihmdie Sinne und er fiel ohnmächtig zu Boden; hohe Herren — er nennt sie mitNamen — baten die Geliebte für ihn, sie reicht ihm, ungnädig genug, ihr Nadel-büchschen. Als Pilger verkleidet, heftet er, als sie zur Messe geht, einen Liebes-brief an ihr Gewand. Er sieht sie ein Kind liebkosen, er umfängt es und küßtes auf die Stelle, die ihre Lippen berührt hatten. Aber diese schmerzlich süßenGefühle hören in der folgenden Wirklichkeit auf. In schriller Dissonanz ertöntdas Geschrei der Kinder, wenn der unbemittelte Ehemann Brot und Käse
1 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXVII, Liederd. zerdeutsch S. 105 ff.; Naumann, Reallex. 1,
Nr. LXXXVII, ADB. 10, 301 f.; Roethe, 86; Rosenhagen ebda 1,209. 2, 364; Singer,
Reinm. S. 127 Anm.; Gottschalk, Minne- Malterl.Lit.aaO.Reg.S.206.;GüNTHERWEYDT,
leich S. 72 ff. u. Anhang; Steller, Beitr. 45, Johannes Hadlaub, GRM. 21, 1932, 14-32;
307 ff.; E.Stange, ZfdA. 52, 276-9 (urkundl. Schröder, Hadlaub u. Manesse, ZfdA. 70,
Nachweise); Mohr S. 96 ff.; Singer, Der 36-42; Singer, Stammler Verfasserlex. 2,
Lesezirkel, 15. Jahrg. 1927/28 S. 75 ff., Schwei- 141^3.