280 Die lyrische Dichtung
die sich innerhalb der Durchschnittssphäre halten (17 Strophen in ein unddemselben Ton), über Tugenden und Laster oder religiösen Inhalts. Nichtganz sicher ist, ob der Hardegger 1 dem schweizerischen Ministerialen-geschlecht von Hardegge angehört hat (St. Gallen, ein Heinr.v.H. urkund-lich 1227-75); seine 15 moralischen und religiösen, auch politischen Sprüche(3 Töne) kennzeichnen ihn als einen ernsthaften, nachdenklichen undfrommen Mann. Von dem bürgerlichen Spruchdichter Gast 2 sind 2 Sprüchevorhanden.
Eine außerordentliche Stellung im ganzen Minnesang, nicht nur unter denSchweizern, nehmen Steinmar und Hadlaub ein: sie sind die stärkstenVertreter des Übergangs von der alten idealisierenden Kunst zur neuen Gei-stesform des Realismus, ja des Naturalismus und Materialismus. Bei ihnen istdas Ende der Blütezeit ritterlicher Romantik und der Beginn der Herrschaftbürgerlich praktischer Denkweise klar erkennbar, bei Steinmar noch mehr alsbei Hadlaub. Schon bei einigen der vorhergehenden Lyriker haben wir Spurender Zersetzung der alten Kunst getroffen.
Steinmar, 3 Berthold Steinmar von Klingnau, war Ministeriale Walthersv. Klingen. Eine feste Datierung gibt die Erwähnung von Wien (III, 26), woer wohl 1276 die Belagerung im Heere Rudolfs v. Habsburg mitgemacht hat;die Winterfahrt nach Meißen (XII, 35) kann sich auf Rudolfs Feldzug von1277 oder 1289 beziehen. Seine Lieder (vierzehn) bewegen sich ethisch in einerabsteigenden Linie. Von einer edeln, fast ehrfürchtigen Minne getragen istdas erste Lied seines Frauendienstes (Nr. 2), liebende Sehnsucht spricht ausNr. 3, konventionell sind Nr. 6 und 13, aber in Nr. 10 schleicht sich schon einbarockes Bild im Kehrreim ein, in Nr. 4 und 9 werden die Bilder unhöfisch(4, 30. 9, 28), Nr. 12 schließt ironisch, und in Nr. 7.11.14 vollends besingt erDienstmägde; die Parodie ist vollkommen, da die niederste Minne in höfischeAusdrucksweise gekleidet ist. Eine günstige Gelegenheit zur Lächerlich-machung des höfischen Kunstliedes gab ihm das Tagelied: rationalistisch zer-gliedert er die Vernunftwidrigkeit des Wächtermotivs (Nr. 5); sein stärkstesStück aber ist das zweite Tagelied (Nr. 8), wo die Stelle der Liebenden einKnecht und eine Magd einnehmen und die Situation dementsprechend ausge-malt ist. Endlich hat dieser urkräftige Dichter neue Bahnen eingeschlagen inseinem Herbstlied 4 (Nr. 1), wo an Stelle des Maien der Herbst gefeiert wirdals Zeit der Schlemmerei und Völlerei; es ist ein köstliches Kneip-, Freß- und
1 Bartsch, Liederd. Nr. XLV; Burdach, Minnes. St., 1886; R. Meissner, Bertold Stein-Reinm. 2 S. 410; Loewenthal, Stud. z. germ. mar v. Klingnau u. s. Lieder, 1886. — FranzRätsel S.69-71.147; Singer, Malterl.Lit.aaO. Schultz, Steinmar im Straßbg. Münster, einS. 134, 139. Bartsch schließt den H. von den Beitr. z. Gesch. d. Naturalismus in Deutschi.Schweizer Minnes. aus und Wilmanns, ADB. 1922, s. ZfdPh. 49, 248 f., dazu Schröder,10, 558 zweifelt an seiner Schweizer Herkunft. Anz. 42, 81 f.; Mohr S. 88 ff.; Stosch, ZfdPh.
2 Bartsch, Schw.MS. Nr. XVI. — Elisabeth 32, 138 f. (Stelle); Brinkmann, Dt. Vjschr.3,Karg, Stamml. Verfasserlex. 2,182 f. 638; Rosenhagen, Reallex. 1, 209; Singer,
3 Bartsch, Schw. MS. Nr. XIX, Liederd. Malterl. Lit. aaO. S. 26. 153 ff. 183.
Nr. LXXVI; R. M. Meyer, ADB. 35, 746-8; i Über franz. „Speiselieder" s. Schönbach,Alfr. Neumann, Üb. d. Leb. u. d. Gedichte d. Anfänge S. 111.