278 Die lyrische Dichtung
Freundlich mutet die Aufforderung an die Nachtigall, guot vogellin, an, derfrouive von seiner Liebe ins Ohr zu singen. Mit demselben Motiv leitet Hein-rich von Stretelingen 1 (Thuner See) eines seiner 3 Minnelieder ein. Einanmutiges Lied von dem rosenfarbenen Mund der Geliebten und ihrem freund-lichen Lachen ist dem Grafen KraftvonToggenburg 2 (Thurgau,um 1260?)gelungen. Unter den 6 Liedern Des von Trostberg 3 (Aargau) findet sichein Zwiegespräch zwischen dem Ritter und der juncfrouwe, die ihm Belehrungüber rechtes Benehmen in der Minne erteilt. Albrecht, Marschall vonRaprehtswil 4 (Dienstmann der Herren v. R., urkundlich in den siebenzigerJahren des 13. Jahrhunderts) erklärt sich in dem ersten seiner 3 Lieder füreinen Propheten, weil er in den Augensternen seiner Dame die Zukunft sehenkann (vgl. Walther 54, 31). Unter den Schweizern ist auch unterzubringenRudolf von Rotenburg, 5 der jedenfalls Alemanne war, wenn auch vielleichtnicht auf Schweizer Gebiet zu Hause. Seine Gedichte sind Muster edler, höfi-scher Sitte, doch enthalten sie manche eigenartige Wendungen (bes. Nr. XII).Mit reichem Zierat ausgestattet sind, dem Stil dieser Gattung entsprechend,seine 5 Minneleiche (der sechste ist ein religiöser Leich auf Maria mit her-kömmlichen Bildern), besonders durch Zitate literarischer Minnetypen undgeographischer Örtlichkeiten. Der historisch berühmteste unter den Schwei-zer Minnesängern, ein auf Zügen in Italien zu hohen Ehren gelangter kriegeri-scher Herr, ist der an der Grenze der ritterlich-höfischen Kultur stehendeGraf Wernher von Hohenberg 6 (urkundlich 1300 ff., f 1320; ein Klage-gedicht auf seinen Tod ist vorhanden). In zwei seiner 8 Minnelieder nimmt erAbschied von der Herrin (Nr. I. III), in einem dritten bezieht er sich auf seineFahrten außer Landes (Nr. II). Aus der Minnekonvention heraus tritt seinHaßlied gegen einen glücklichen Nebenbuhler, das von wirklichem Erlebeneingegeben sein muß (Nr. VI). Otto zem Turne 7 (Luzern, urkundlich 1275)hat außer fünf mit einigen sonst ungewöhnlichen Wendungen ausgestattetenLiedern einen Leich hinterlassen in verschnörkelter, übertrieben höfischerSprache und zweideutigen Anspielungen mit einer Art Revocatio: die Minne— oder die Dame — weist sein Benehmen, das man gegenüber einer Dirne sicherlauben könne, entrüstet zurück. Hier ist ein Übergang zur niederen, zur
1 Bartsch, Schw. MS. Nr. IX, Liederd. S. 413 f.; v. Kraus, Übungsb. S. 206-38. 291.Nr. LXI; R.M.Meyer, ADB. 36, 575 f.; 293. — Steller, Beitr. 45,371-80; Gott-Singer, Malterl. Lit. aaO. S. 150; Ders., schalk, Minneleich S. 52-60. — Über seineStammler Verfasserlex. 2, 53 f. Heimat s. bes. Burdach, Reinm. 2 aaO.;
2 Bartsch, Schw. MS. Nr. VI, Liederd. Singer, Lit.gesch. d. dt. Schweiz S. 44 f.,Nr.XLVIII; R.M.Meyer, ADB. 38, 410 ff.; Schweizerdeutsch S. 110 f., Malterl. Lit. aaO.Schulte, ZfdA. 39, 208. — Vom „Rosen- S. 19 f.
lachen" s. Uhland 3, 420 ff. 513; Singer, M- ° Bartsch, Schw. MS. Nr. XXVI, Liederd.
alterl. Lit. aaO. S. 148. Nr. LXXXVI, s. außer der dort. Lit.: Strauch
3 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXV, Liederd. ZfdA. 23, 93 f.; Singer, Malterl. Lit. aaO.Nr. LXXV; R. M. Meyer, ADB. 38, 658. 7 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXXI, Liederd.
4 Bartsch, Schw. MS. Nr. XXX; Liederd. Nr. XCVI; R. M. Meyer, ADB. 39, 23 f.;Nr. XCV; Singer, Verfasserlexikon I (1931). Gottschalk, Minneleich S. 60 ff. u. Anhang;
5 BARTscH.Liederd.Nr.XIX(stehtnichtSchw. Singer, Lit.-Gesch. d. dt. Schweiz S. 45 f.MS); Burdach, ADB. 29, 297-99 u. Reinm. 2 . .