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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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272 Die lyrische Dichtung

Die schwäbische Eigenart vertreten besonders drei Charaktergestalten:Neifen, Hohenfels, Winterstetten.

Gotfrid von Neifen 1 (urkundlich 1234-55) aus angesehenem freiherr-lichen Geschlecht, gehörte zu den Anhängern des jungen Königs Heinrich,des kunstliebenden, aber leichtlebigen Sohnes Friedrichs IL, der seine Em-pörung mit mehrjähriger Haft büßte (1235, f 1242). Neifens Dichtwerk istvor allem Formkunst. In schwierigen Reimbindungen und überhaupt in derBeherrschung der Sprache ist er Meister; hier ist der Minnesang in seinemeigensten Wesen Klang und Rhythmus. Um so einförmiger ist der Inhalt seinerMinnelieder, schon der Bau ist stereotyp mit Jahreszeiteingang und darauf-folgender Minneklage; die Minnerhetorik des Hauptteils mit dem durchgehen-den Gegensatz von fröide und sorge (trüren, kumber, swcere) und mit so man-chen schönen Worten vom roten, rosefarbenen Munde u. dgl. kann den Mangelan persönlichem Erleben nicht verdecken. Neifens Minnedienst ist nicht wieder Lichtensteins zugleich ethisch eingestellt, sondern bloß Gesellschaftsdich-tung. Doch verspürt man auch in seinen Minneliedern eine volkstümlicheVeranlagung. Bei den Natureingängen mit ihrer Maienfreude schwebt ihm,mehr oder weniger bewußt, das Volkstanzlied vor; ein unmittelbar volks-tümlicher Einschlag ist das dreimal vorkommende Lob der Geliebten si kandehsen, swingen (4, 13. 5, 13. 32, 12, vielleicht eine verblümte Anspielung)oder die Aufforderung zum Tanz megde, leigen, wir sun reigen (48, 34).

Aber die Minnelieder zeigen den Dichter nur von der einen Seite, als Sän-ger der Hohen Minne. In unvereinbarem Gegensatz dazu steht seine zweiteArt, die zur Niederen Minne in ihrer ungeschminktesten Form herabsteigt:die unverhüllte Zote vom Büttner 44, 20, die Pastourellen von der Garnwin-derin 34, 26 und von der Flachsschwingerin 45, 21, der Schwank vom Pilgrim45, 8 (s. Uhland, Volkslieder Nr. 100), die Szene vom zerbrochenen Krug,durch den sonst höfischen Natureingang wie eine Parodie klingend 37, 2.Dieses Nebeneinander von feiner Gesellschaftsform und zynischer Roheit isteine kulturpsychologische Frage und zeigt, wie unausgeglichen doch bis weithinein ins Rittertum die Bildung wenigstens in der Epigonenzeit war. Manmuß sich aber hüten, diese Produkte aristokratischer Herrenunterhaltung,

1 Ausg.: Haupt, 1851, aufs neue durchgese- N., Gott. Diss. 1912; Mohr S. 82 ff.; Brink-

hen von Edw. Schröder, 1932, dazu Anz. 51, mann, Dt. Vjschr.. 3, 638; Schröder, Text-

237; Cornelia Maria de Jong, G. v. N., Neu- kritisches zu Neifen, ZfdA. 67, 128. Lieder

ausgäbe seiner Lieder, Amsterd. Diss. 1923 der Niederen Minne: Singer, Sprache u. Dich-

(mit. Lit.), dazu Günth. Müller, Dt. Vjschr. tung 2, 32 Anm., Schweiz. Arch. f. Volkskde.

5, 122, Neophil. 9, 1924, H.3. Bartsch, 28, 1928, 288; Strauch aaO. S. 249 f.; Nau-

Liederd. Nr. XXXVI; Burdach, ADB. 23, mann, Merker-Stammler Reallex. 1, 86; Ro-

401 ff. u. Reinm. 2 S. 391-4, Reinm. S. 129. senhagen ebda S. 209. Metrik: Saran,

Uhland 5, 263; G. Knod, G. v. N. u. seine Hartm. v. Aue als Lyriker S. 68 ff.; Plenio,

Lieder, 1877, dazu Strauch, Anz. 5, 246-52; Beitr. 42, 414 f.; Günth. Müller, ZfdA. 60,

Uhl, Unächtes bei N., 1888, dazu Vogt, 46 f. (Strophenbindung); Ders., Dt. Vjschr.

ZfdPh. 24, 247-55, Seemüller, Lbl. 1890, 1, 87, 91, Merker-Stammler Reallex. 2, 214;

179-82, Cbl. 1890, 865 f.; Muchall, Zur Poesie Karg, Stammler Verfasserlex. 2, 64 f.

G.s v. N., Leipz. Diss. 1911 (Schallanalyse); Rostock, Dichterheldensage S. 8.Walt. Behne, D. Reihenfolge d. Lieder G.s v.