Die Minnesänger von Steiermark, Tirol, Bayern-Österreich 267
von Rokokozier verleihen. Oft kann man seine Arbeitsweise beobachten:wie er ein Gedankenzentrum variiert und in eine Häufung gleicher Vorstel-lungen auflöst. Die Verskunst übertreibt er auch in den Leichen nicht.
Sein Leben ist Spielmannsschicksal, seine Kunst geht nach Brot. Wenn ervor den Fröhlichen aufspielt, muß er fröhlich sein, wenn er auf der Landstraßeallein und obdachlos reitet, überkommt ihn der Jammer. Er versteht humo-ristische und elegische Töne aus seinen Saiten zu schlagen; zum Tanze singter: da uns Gott das Leben hat gegeben, so sollen wir singen, fröhlich springenI, 150; in der Herberge, wenn er nichts hat um zu bezahlen, heißt es: wannsoll mein dumpfer Sinn ein Ende der Trauer finden ? Wenige deutsche Lyrikerdes Mittelalters geben sich uns so lebensnah und besitzen so das Wort, ihrInneres auszudrücken.
Auch der Tannhäuser ist zum Helden einer Minnesinger sage 1 geworden,wie Morungen und Brennenberg. Sie hat, bei vielen sonstigen lokalen und lite-rarischen Überlieferungen, ihre feste Form gewonnen im Tannhäuserlied,das seit 1515 nachweisbar ist. Das Märchenmotiv von dem durch einen Dämonin sein Reich verlockten Menschen liegt zugrunde (LG. II, 2, 135). Zur Tann-häusersage wurde das Märchen dadurch, daß es an die Person dieses Minne-sängers angeknüpft wurde und durch bestimmte Motive eine Eigenart erhielt:das dämonische Wesen bekam die Gestalt der Frau Welt oder der Venus, derGenußmensch wurde zum reuigen Büßer, und sein Schicksal wurde an dieEntscheidung des Papstes geknüpft. Die Anfänge der Sage werden noch im13. Jahrhundert liegen. 2
Die Minnesänger von Steiermark, Tirol, Bayern-Österreich in der zweiten Hälfte des13. Jahrhunderts
Die steierischen Minnesänger 3 dieses Zeitraums stehen unter dem Ein-fluß ihres Landsmanns Lichtenstein. 4
1 Tannhäusersage: Lit. s. Bartsch, Liederd. S. 121 f.; v. Kraus, H. v. Morungen hgb. 1925,
Nr. XLVII; Grässe, DerTannh. u. d. erwige S. 117f.; Güntert, Kalypso, 1919, Reg. S.279,
Jude, 2. Aufl. 1861, dazu Zingerle, Germ. 6, s. auch Venus, Kyffhäuser; Schröder, ZfdA.
251; Erich Schmidt, Charakteristiken II, 61, 178; Singer, Handwörterbuch des dt.
1901, 24-50 (mit Lit.); E. Bernhardt, Jahrb. Aberglaubens 1, 1929,541-4. — R. M. Meyer,
d. Akad. zu Erfurt NF 26, 1901, 89-112; Zs. d. Ver. f. Volkskde. 21, 1911, 1-31; Bolte-
K. Reuschel, N. Jahrb. 7, 1 (1904), 653-67; Polivka 3, 471 f.
Gaston Paris, Legendes du m. äge, 2. Aufl., 2 Gewisse Stellen in Tannhäusers Liedern,
Paris 1904; Pfaff, 49. Philol.-Vers., Basel bes. auch die Lebensstimmungen, können
1907, s. ZfdPh. 40, 97; Golther, Ges. Auf- Veranlassung gegeben haben, daß die Sage auf
Sätze 1911 S. 19-70 (mit Lit.); E. Elster, T. ihn übertragen und um ihn weitergesponnen
in Gesch., Sage u. Dichtg., 1907; Fr. Kluge, wurde, aber die Analogien reichen nicht hin,
Bunte Blätter 1908 S. 28-60; Kr. Nyrop, um mit voller Sicherheit die Sage aus seinen
Tannh. i Venusbjaerget, Kopenh. 1909; V. Dichtungen abzuleiten. Stärker sind in der
Junk, T. in Sage u. Dichtg., 1911; A. F. J. Sage die Anklänge an Lieder Morungens,
Remy, The origin of the Tannh.-legend, Journ. deren Einfluß auf ihre Ausbildung darum sehr
of Engl, and Germ. Phil. 12, 32-77; Ph. S. wahrscheinlich ist (v. Kraus aaO.).
Barto, Studien in the Thann.-legend, ebda 3 Burdach, Reinmar 2 Reg. S. 436; Fr. Kum-
9, 293-320; Ders., T. and the Mountain of mer, Die poet. Erzählungen des Herrand v.
Venus, Oxford 1916; dazu Götze, N. Jahrb. Wildonie u. die kleineren innerÖsterreich. Min-
1924, 57 f.; Rostock, Dichterheldensage nesinger, 1880, dazu Bartsch, GgA. 1881,
S. 12-15; Schneider, Festschr. Ehrismann 1234-44, O. Zingerle, Anz. 7, 151-64, Kin-