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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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266 Die lyrische Dichtung

wirkt er durch den Kontrast, indem er höfische Bildung in volkstümliche Um-welt hineinträgt. Sie sind aus zwei Teilen, A, einem größeren höfischen undB, einem kleinen dörperlichen zusammengesetzt. Die ersten Teile (A) habenverschiedenen Inhalt: Nr. I ist ein Fürstenpreis auf Friedrich von Österreich,III eine Pastourelle, IV ein Vergleich der Geliebten mit berühmten Schön-heiten aus der antiken und mittelalterlich-höfischen Literatur, V eine geogra-phische Aufzählung von Gegenden, die er zum Teil selbst besucht hat. OhneZusammenhang mit dem ersten Teil (A), einer gelehrten geographischen Auf-zählung, folgt der zweite (B), die volkstümliche Tanzschilderung: Aufforde-rung zum Reigen, Namensnennung der teilnehmenden Mädchen, die Schluß-formel heia nu, hei!

Durch Vorsetzung des ersten Teils wird die ganze Haltung verhöfischt, oder umgekehrt: durchden Zusatz des zweiten Teils bekam das Ganze den volkstümlichen Beigeschmack, der das Ele-ment derhöfischen Dorfpoesie" ist. Der besondere Reiz für die Hofgesellschaft bestand ebendarin, daß sie mit dem volkstümlichen Reigen eine Art belustigender Maskerade (ohne Änderungdes Kostüms) aufführte und damit einen kulturpsychologisch begründeten Gegensatz zwischenKultur und Natur übersprang wie später das Schäferspiel der Spätrenaissance. An demjungen Herzog Friedrich von Österreich rühmt der Tannhäuser unter anderem: Trüric herze fröwirt von im, swenne er singet denfrouwen den reien (I, 91, S. 4). Tannhäuser hat den erstenTeil, Minne, variiert durch andere Motive (I Fürstenpreis, III Pastourelle, IV berühmte Schön-heiten, V geographische Gelehrsamkeit).

Einfacher gebaut und stilisiert sind die drei Tanzlieder II, VII, XI. Paro-distische Absicht ist stark aufgetragen in den drei Minneliedern VIII, IX,X, wo die Geliebte unmögliche Dinge verlangt. 1 Aus dem Interessenkreis desGehrenden heraus ist die Totenklage auf verstorbene Kunstmäzene an-gestimmt, die in einen Preis lebender Dichtergönner ausläuft.

In seinen Gedichten läßt der Tannhäuser seine Persönlichkeit stark hervor-treten. Seine Sprüche 2 besonders gewähren einen Einblick in sein Leben undin seine Sorgen. Mit seinem Herzog war ihm sein Halt dahingegangen. Alsheimatlos Fahrender klagt er über sein irrendes Elend und der Glückverlassenemacht sich tragikomische Vorwürfe über sein selbstverschuldetes Los: Weinund Weiber lassen ihn zu nichts kommen. Die Eindrücke der Welt, die erdurchwandert, geben seinem Leben den hauptsächlichen Inhalt und mit Stolzspricht er in dem Leich I von den vielen fremden Ländern, die er gesehen hat;mit Grausen denkt er noch eines Seesturms, den er bei Kreta erlebte (SpruchXIII, 23-44). Er hat eine Pilgerfahrtum Gottes willen" nach Jerusalem ge-macht (XIII, 54), deren Weg er ging zu Land über Bulgarien und Konstan-tinopel sich aus den von ihm angegebenen Gegenden in V, 13-32 einiger-maßen verfolgen läßt.

Er besitzt das geschwollene Selbstgefühl des Fahrenden (I, 107), er prunktmit seiner Gelehrsamkeit und mit Fremdwörtern, 3 die seinem Stil eine Art

1 Vgl.UHLAND3,213ff.;SiEBERTS.23f.,30f.; 2 TannhäusersHofzucht",Tischzucht" s.

Ders., Der Dichter T., Leben, Gedichte, Sage, unt. Lehrhafte Dichtung.

1934. In Sandweg, Fremdwörter: Arvid 3 Suolahti, Mem. de la soc. neo-phil. de

Rosengvist, Neuphil. Mitteil.35,1934,4164. Helsingfors 8, 1929, 29, 41.