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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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264 Die lyrische Dichtung

(Schönbach, ZfdA. 26, 317); der Aufenthalt bei den Aussätzigen scheintdem Tristan nachgebildet zu sein.

Am fremdartigsten läßt er uns das Phänomen des Minnedienstes empfinden,wenn er mitten unter seinen Liebesbotschaften und Minneliedern erzählt, daßer zu seiner lieben Ehefrau (kone) ritt, die ihm nicht lieber sein könne, obgleicher zur Herrin (ze vrouwen) ein anderes Weib hatte (221,29 ff.318,21). Minne undEhe sind getrennte Begriffe. Nirgends tritt uns die aristokratische Standes-sitte oder -mode des Minnewesens so ausgesprochen als gesellschaftliche Kul-tur, als Konvention, als Spielerei, als Sport entgegen als in diesem Werke desLichtensteiners. Nicht aus dem Herzen, aus dem Kopfe entspringt die Minne.Die Minneethik ist letzten Endes ein Gebilde der Vernunft, der Dialektik.Am Schluß 586, 25 ff. stellt er seine Grundsätze in den Rahmen der allge-meinen ritterlichen Ethik. Er teilt die Werte in weltliche und religiöse Güterund wägt diese gegeneinander ab. Das größte Übel ist das versäumte Leben;das Schwanken zwischen Welt und Gott macht ihm Pein, aber er weiß dieSpannung zu überbrücken in dem Glauben, daß Gott ihm seine Minnetreueanrechnet. So findet sich der Frauenritter mit seinem Gotte ab. Der Frauen-dienst ist ein verdienstvolles Werk vor Gott. Das Ende ist doch eine Huldi-gung für die Frauen.

Als Kunstwerk ist Lichtensteins mcere nicht hochwertig, er ist ein Virtuos,der geringen Gedankengehalt in gebildeter Sprache vorzutragen weiß. Seineschwache Erfindungsgabe hat nur eine mäßige Anzahl von Motiven bereit.Die Komposition des Gedichtes wird erreicht durch Wiederholung der Dar-stellungsmittel, wobei die einzelnen Begebenheiten endlos gedehnt sind. Diezweite Minne ist nur eine matte Wiederholung der ersten, erweitert durchlehrhafte Betrachtungen, nur dringt hier auch die Wirklichkeit mit ernstenEreignissen in die Wunschwelt der Minne.

In der Erzählung verliert sich Lichtenstein allzu leicht in epische Breite;den engen Rahmen des Liedes weiß er eher zu beherrschen. Sein eigenstesGebiet ist die Lyrik. Doch beruht auch hier seine Kunst in den äußeren Vor-zügen eines wohlgebildeten Stils und einer gefälligen sprachlichen Form.Auch blendet er nicht durch Reimkünste und auffallende Rhythmen, er stehtunter dem Einfluß der besten höfischen Tradition, seine Meister waren Rein-mar, Walther, Hartmann. Der Inhalt bewegt sich in den herkömmlichenIdealen des höfischen Minnesangs. Das Produzieren ging ihm leicht von derHand, in guten Stunden gelang ihm auch ein Lied von Frische und Lebendig-keit. Die Lieder tragen Überschriften, die die Gattung angeben: ein sincwise,ein tagewise, 1 ein üzreise (Marschlied), meist aber ein tanzwise. Die Quintessenzdes Tanzliedes 2 fand man in der fröude, dem die Melodie entsprach (der dön

1 Lichtenst. hat 2 Tagelieder, bemerkenswert durch charakteristische Züge von den persön-ist, daß er an Stelle des Wächters der Schick- liehen Minneliedern unterschieden. Scherer,lichkeit halber eine maget (Kammerfrau) einge- Anz. 1, 254; Schiller, D. Minnesang als Ge-führt hat, s. bes. Brecht, ZfdA. 49, 19 ff. sellschaftspoesie, Bonn. Diss. 1907 S. 32;

2 Das minnesängerische Tanzlied ist nicht Plenio, Beitr. 41, 79 f., 42, 445 Anm. 1.