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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Ulrich von Lichtenstein 263

seine Beamtenlaufbahn und öffentliche Tätigkeit, wohl aber gibt der Frauen-dienst mit chronologisch genauen Angaben einen Einblick in seine Privat-verhältnisse, die sich vom Hintergrund der allgemeinen Zeitlage abheben.Diese aber ist charakterisiert durch das glänzende Ritterleben in den erstenJahrzehnten des 13. Jahrhunderts und der darauffolgenden Verwilderungnach dem Tode Friedrichs des Streitbaren, 1246.

Die Bezeichnung Vrowen dienst hat Lichtenstein der Dichtung selbstgegeben, am Schluß 593, 17; am Anfang 2,13 nennt er sie ein mcere. Es ist einLiebesroman in 1850 stumpf endenden Reimpaaren, die zu Strophen von8 Zeilen gebunden sind, mit eingelegten Liedern und Büchlein. Der Dichter er-zählt die Geschichte seines eigenen Minnedienstes und gibt damit ein Beispiel,wie ein rechter Frauenritter dienen soll.

Er beginnt mit dem Grundsatz, daß niemand Wertschätzung erwerben könne, als wer gutenFrauen zum Dienst bereit sei 3, 8. Schon als Kind hörte er aus dem Mund der ErwachsenenFrauenminne als Quelle alles frohen Mutes preisen; er erzählt weiter, wie er als Page von 12 bis16 Jahren seine Herrin zur Dame erkoren habe, wie er dann bei dem Herzog von Istrien seine Lehr-zeit als Knappe durchgemacht. Im Jahr 1222 erhält er die Ritterwürde bei Herzog Leopold inWien. Jetzt nimmt sein Minnedienst groteske Formen an. Die Dame weist seine Huldigungenbeständig zurück, aber weder ihre Launen noch ihre Demütigungen können ihn von seinem Wahnabbringen. Er läßt sich ihr zu Gefallen seinen durch eine Hasenscharte entstellten Mund operie-ren, einen steifen Finger abhacken und sendet ihr den Stummel. Als Venus verkleidet turnierter im Dienste der Dame durch die Lande. Sie erlaubt ihm ein Stelldichein, aber er muß sich, eheer Einlaß erhält, unter den Aussätzigen vor der Burg verbergen und wird dann, als er in ihrerKemenate die letzte Gunst von ihr erbittet, durch List hinausgeschafft, an einer Leine zum Erkerhinaus in die Tiefe gelassen, kollert aber inmitten der Fahrt den Berg herab. Nach einer nochärgeren Beschimpfung, die er verschweigt, sagt er sich von ihr los und nimmt eine andere Damezur Herrin. Dies zweite Verhältnis ist nur eine matte Wiederholung des ersten. Ernste Zeit-ereignisse treten in den Vordergrund, der Tod des kräftigen Herzogs Friedrichs des Streit-baren; in den darauffolgenden Wirren wird er von einem seiner eigenen Dienstmannen einJahr lang in seiner eigenen Burg gefangengehalten.

Lichtenstein hat in seinem Frauendienst nicht sein ganzes Leben, nichtseinen praktischen Beruf dargestellt, sondern nur einen nebensächlichen Teil,soweit es sich dichterisch in der Form des zeitlichen Minneideals verwerten ließ.Wahrheit ist mit Dichtung gemischt, aber die zugrunde liegenden Wirklich-keitszüge, die die festen Punkte bilden, lassen sich doch herausschälen. Diegeschichtlichen Daten seiner Jugenderziehung hat er fast chronikalisch fürdie Erzählung benutzt. Auch seine beiden Ritterfahrten, so theatralischder Venusaufzug erscheint, sind im großen und ganzen in Wirklichkeit so vorsich gegangen. Die Turnierteilnehmer sind authentisch; er hat dazu wahrschein-lich Reisetage- und Ausgabenbücher benutzt, die er auf jenen Fahrten an-fertigen ließ. Aber auch die Lächerlichkeiten, die er als Großtaten seinesDienstes rühmt, haben gewiß einen wahren Kern, nur hat er den schiefen Mundnicht bloß der Dame zuliebe zurechtschneiden lassen, sondern aus Eitelkeit;und den steifen Finger ließ er sich abnehmen, weil er ihm hinderlich war. Ameffektvollsten aufgeputzt ist das verunglückte Stelldichein. Es war wohl nichtsanderes, als daß er bei einer verabredeten Zusammenkunft getäuscht wurde