260 Die lyrische Dichtung
Ton der lat. Vagantendichtung. Doch das ist nur eine allgemeine kulturelle Be-dingung und braucht für die Entstehung der deutschen Bauerndichtung im be-sonderen nichts zu bedeuten. Aber es finden sich in den Sommerliedern, wenigerin den Winterliedern, auch einige stilistische Motive, die ähnlich in französischenRomanzen und Pastourellen, zum Teil auch in der lateinischen Vagantenpoesievorkommen, wenn sie Neidhart auch in anderer Weise ausgeführt hat.
Ganz aus eigenem Erlebnis hat Neidhart die Szenen in den Bauerntänzender Winterlieder gebildet. Er ist der Schöpfer der Bauerntanzdichtung, mitder er das volkstümliche Tanzlied und die Neck- und Trutzstrophen einer„primitiven Lyrik" mit Kunstmitteln des Minnesangs zu einer stilisiertenGattung erhob. Dabei mögen ihm mimische Aufführungen von Spielleutenund in Volksbräuchen bei der Dramatisierung der Stoffe vorgeschwebt haben(s. Singer aaO.). Die Verwandlung kam dadurch zustande, daß er das alteprimitive Bauerntanzlied, das man sich als einfachen Vierzeiler wie eine ArtSchnadcrhüpferl oder auch als ein Gegröhle wie in Wittenweilers Ring(S. 172) vorstellen kann, in eine andere — rein eigene — Bildungsstufe hin-übergenommen hat. Das Ergebnis war das höhere, volkstümliche Tanzliedmit Natureingang und Aufforderung zum Tanz; als „gesunkenes Herrengut"kehrte es, von Bauern gesungen, wieder zum Volke zurück (WittenweilerS. 170, 40 f.). Thannhauser und Winterstetten haben in ihren Tanz-liedern den ursprünglichen Charakter des volkstümlichen Tanzliedes reinerbewahrt. Doch erkennt man in Neidharts Winterliedern noch das Schema desvolkstümlichen Tanzliedes: 1. Naturformel, 2. Aufforderung zu Frohsinnund Tanz, 3. Tanz mit Namennennung der Tänzerinnen. Neidhart hatden 2. und 3.Teil zu einer belebten Szene erweitert, indem er einenwirklichen Tanzvorgang in Einzelheiten berichtet; aber schon das primitiveTanzlied hatte epischen Inhalt. Auch seine Sommerlieder erzählen eine kleineGeschichte.
Zwischen dem idealisierenden Minneempfinden und dem Naturalismus derDorfpoesie darf man sich nun freilich keine unüberschreitbare Grenzlinie ge-zogen denken. Die höfischen Anschauungen vom Minnewesen schwangen auchim dörperlichen Stil gleichsam als Untertöne mit. Auch bildeten die Vertreterdieser Dorfpoesie keine zusammenhängende Gruppe, ja, nicht selten vereinigteein und derselbe Dichter beide Richtungen in seiner Kunst.
Groß muß die Wirkung von Neidharts Auftreten gewesen sein. Es ent-stand eine ganze Literatur „falscher Neidharte", Lieder in Neidharts Maniervon unbekannten Verfassern. Ganze Lieder wurden in den Handschriftenihm fälschlich zugeschrieben, die sich oft nur wenig merkbar, etwa durchÜbertreibung des Niedrigen, von den echten unterscheiden; auch wurden ein-zelne Strophen zu echten Liedern zugedichtet, in denen oft Gegner des vonNeidhart Vorgebrachten ihren Widerspruch ausdrückten (Trutzstrophen).Diese wurden wohl durch von den Bauern bezahlte Berufsdichter oder auchvon Widersachern am Hofe (Wien) ihm entgegengestellt.