Neidhart von Reuental 259
gekommenen, wohlhabenden Bauern, der von ihnen in ihrer Weise erwidertwurde, wobei sie ihm unter anderem sein Haus anzündeten (52,12). Nur ineinem kleineren Teil der Winterlieder fehlt das Tanzmotiv der Menge. Aufden Ritter und die Geliebte beschränkt sind zwei Lieder der niederen Minnezu einem Bauernmädchen, 42, 34 und 48,1, das im Stil einer Damenhuldigungbeginnt und dann in humorvollem Kontrast eine bäuerliche Bagatelle zu einerWichtigkeit aufbauscht; außerdem die saftige Pastourelle 46,28. EinzelneStrophen gelten Friedrich IL, dem Streitbaren (73, 11. 85,14.22.30. 101, 6).Manche dieser Winterlieder haben keinen einheitlichen Inhalt (so z. B. 86, 31in der Teilung, 86, 31-88, 12 und 88, 12 bis Schluß), und die Strophen, diemanchmal erst später eingeschaltet oder angehängt sind, werden nur durchdie gleiche Form zusammengehalten (vgl. Günther Müller, Dt.Vjschr.5,127).Man könnte da nur von „Tönen" reden.
Auf wirklichem Erleben der bäuerlichen Umwelt beruhen diese Schilde-rungen. Daß ein Landjunker die Tänze der Bauern mitmachte, ihre Schönenhofierte und dadurch ihre Eifersucht erweckte, diese Vorgänge sind gewißnaturgetreu, wenn auch nicht jeder einzelne Fall genau abgezeichnet ist.
Es ist schwer, eine zeitliche Entwicklung in Neidharts Dichten zu be-stimmen. Doch gehören — wie schon erwähnt — die Sommerlieder wohl imallgemeinen mehr seiner früheren, bayerischen Periode an, die Winterliedermehr seiner österreichischen. Überhaupt hat er wohl erst nach und nach denfeindseligen Ton gegen die Bauern vergröbert (vgl. Haupt S.231 Gegenstrophezu 97, 7), während seine früheren Lieder zur allgemeinen Tanzbelustigungdienten ohne starkaufgetragene Tendenz. Jene Wintertänze aber, besonders die,in denen er die Bauern des Tulnerfeldes verhöhnt, waren für die Unterhaltungder adeligen Gesellschaft gedichtet, nicht für die verspotteten Bauern.
In kecker, kraftvoller Lebensstimmung tritt er hier vor seine Hörer. Aberdaneben steht die Klage: es ist vor dreißig Jahren besser gewesen (32, Str. 18),die Welt hat die Freude verloren (33, 15. 85 Str. 14). Auch er hat also diebesonders dem mittelalterlichen Menschen eigene Wandlung vom Selbstgefühlzur Weltmüdigkeit in sich erlebt, heftige Anklagen richtet er gegen seinevrouwe, die Werltsüeze (82,3). Er will nicht länger der Sänger der ehrlosenHerrin sein und bittet Gott um sein Seelenheil (86, 31); und gleich darauf indemselben Tone hat er es wieder mit den üppigen Bauern zu tun!
Woher nimmt Neidhart die Motive 1 dieser „höfischen Dorfpoesie", indenen sich der neue Geist verkörpert ? Wie weit sind sie sein Eigentum ? Zu-nächst das Grundproblem, das sozialpsychologische Moment. Die spöttischeÜberlegenheit des Herrentums über das Bauernvolk ist schon die Grundstim-mung in der provenzalisch-französischen Pastourelle und paßt auch in den
1 Ursprung der Motive: Wackernagel, Volkskunde S. 160; Jeanroy, Les Origines
Afrz. Lieder u. Leiche S.233-7; R. M. Meyer, S. 42 ff., 165, 193, 203 ff. u. ö.; Schönbach,
D. Reihenfolge der Lieder N.s S. 131 ff. (mit Anfänge S. 21 ff.; Frantzen, Neophil. 5,70 f.;
Lit.); Ders., ZfdA. 29, 124ff.; Bielschowsky, Singer, Neidhartstud.; Rosenhagen, Real-
Dorfpoesie, bes. S. 1 ff.; Elard Hugo Meyer, lex. 1,205-10; Günther Müller, ebda 2,213.
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