258 Die lyrische Dichtung
einfachen Bau, die Strophen der Winterlieder sind dreiteilig mit reichererReimgliederung. Tanzlust, die sich oft unbändig äußert, ist der Lebensnervder Sommerlieder. Nach einem farbenprächtigen Natureingang, der mitseiner Maienlust den stimmenden Akkord zu der Tanz- und Liebesfreude an-schlägt, folgt das Szenenbild, das dem betr. Liede seinen Inhalt gibt. Meistist es eine Zwiesprache zwischen Mutter und Tochter: die Tochter will zumReien hinaus, die Mutter warnt sie, mehr oder weniger handgreiflich, drohtihr wohl auch die guten Kleider einzuschließen. Manchmal unterhalten sichauch Gespielinnen und sprechen sich über Liebesfreud oder -leid aus. Als drittePerson steht immer der Dichter im Hintergrund, der oft auch als Ziel derLiebeswünsche genannt wird. Einige Lieder fordern, ohne Dialog, zu Sommer-lust und Tanz auf. Wenige sind rein persönlich, wie die zwei Lieder aus Syrien11,8.12,8und eine Klage über die traurige Gegenwart 32,6;31,5 nähert sichmit der Aufzählung der tanzenden Mädchen und Bauern dem Typus des Winter-liedes ; ganz possenhaft ist das erste Lied mit der von der Tanzwut ergriffenenAlten, die von der Tochter gewarnt wird. Wenn so auch der Stoff dieser Sommer-lieder beschränkt ist, so wird er doch mannigfach variiert, oft durch Schluß-strophen , die mit dem Vorhergehenden gar nicht oder nur lose zusammenhängen.
In den Winterliedern treten noch viel stärker jene ungevüegen dcene her-vor, die der bäuerischen Umgebung entsprechen. Hier ist Neidhart, „der Bauern-feind", wie er später genannt wurde, in seinem eigensten Bereich. Die Tänze,welche die getelinge, die Burschen, in den Winterstuben aufführen, schildertNeidhart mit naturalistischem Pinsel wie ein niederländischer Genremaler.Auch hier deutet ein Naturbild die Jahreszeit an, in dem kurz die Sommer-formel negativ stilisiert ist, dann folgt manchmal eine in diesem Zusammen-hang parodistisch klingende Minnestrophe. Nun beginnt das Hauptstück,das Tanzvergnügen. Zuerst wird zum Tanz in der Stube aufgefordert, die einerder Bauern zur Verfügung stellt und die nun ausgeräumt wird. Man holt dieTänzerinnen herbei, die mit Namen aufgezählt werden. Dann entfaltet sichdie eigentliche Tanzszene, bei der es lebhaft zugeht und zu Händeln kommt.Das ist der normale Verlauf eines solchen Tanzvergnügens, aber in dem Ver-halten der Personen bieten sich mannigfaltigste Variationen. Der von Reuen-tal spielt dabei mit, er macht den Dorfschönen den Hof, die den vornehmenHerrn seinen bäuerlichen Nebenbuhlern vorziehen, wobei es zu nicht un-bedenklichen Eifersuchtsszenen kommt. Ein solcher persönlicher Auftrittwird als das Hauptärgernis immer wiederholt: der ungevüege dörper Engelmarhat der Friderün, der wohlgetanen Dirne, der auserwählten Tänzerin des Rit-ters, den Spiegel von der Seite gerissen (Stellen: Wießner, Ausg. S. 353Engelm. Vrid.).
Satire ist der Grundton dieser Bauernschilderungen: Spott über ihr protzi-ges Auftreten, ihren prunkhaften Anzug. Sie wollen es den Herren gleichtunund sind doch nur ungehobelte Tölpel. Aus kultursozialem Untergrund steigendiese Lebensbilder auf, es ist der Haß der armen Ritter gegen die herauf-