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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
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Neidhart von Reuental 257

Neidhart, der Realist, spricht viel von sich selbst, spielt selbst in seinenLiedern mit, aber es ist schwer, die Tatsachen seines Lebens aus der poetischenStilisierung auszulösen. Schon der Name ist umstritten. Er selbst gibt nurseine Herkunft an, Reuental (Wießner, Ausg. S.356f.), die Zeitgenossendagegen nennen ihn her Nithart (Wießner S. 324 ff.). Ein Ort Rewental istim Bezirk Freising nachgewiesen (Wilhelm aaO.). Gegenwärtig neigt mandazu, Riuwental,Sorgental" (mhd. riuwe Schmerz, Kummer) für eine vomDichter in ironischer Absicht angewandte Bezeichnung zu halten, womit erauf die Armseligkeit seines Heimsitzes anspiele (s. bes. Seemüller, Pragerdt. Stud. 8, 325-38; Wallner, Beitr. 33, 532 f.; Singer, Neidhartstud.;Schneider, Heldendichtg aaO.). Dafür wird mit nicht zu unterschätzendenGründen auf die allegorisch gebrauchten Ortsbestimmungen Siuftenhein,Sorgenrein (Hadlaub), Trüebenhüsen (Gliers) hingewiesen. Indessen die Inter-pretation jener Strophen, in denen Neidh. sich am offenkundigsten über seinSchicksal ausspricht (74, 25-75, 8, vgl. Günth. Müller Dt.Vjschr. 5, 126),läßt doch nur die Deutung zu, daß Riuwental in der Tat sein Lehen war, nachdem er sich nannte. In zwei Liedern, 11,8.12, 8, spricht er von einem Pilger-zug, auf dem er sich bei denWalhen" befindet, wahrscheinlich ist darunterdie Fahrt Leopolds VII. nach Syrien 1217-19 zu verstehen. Einige Jahredarauf traf ihn ein schwerer Schlag, er verlor die Huld seines Herzogs (Ottos II.von Bayern) und mußte sich eine neue Existenz suchen. Er fand sie bei Fried-rich IL, dem Streitbaren, von Österreich, der ihm in Melk eine Wohnstätte an-wies und ihn mit reichlicher Gabe unterstützte (75, 3. 105, 5). Bis etwa 1237lassen sich die zeitlichen Bestimmungen seiner Gedichte verfolgen: 31,5-14.102,22 wird die Ankunft des Kaisers in Österreich erwartet.

Neidharts Lyrik geht fast ganz im Tanzlied auf, er ist der Schöpfer desländlichen, dörperlichen Tanzliedes, das wesentlich verschieden ist von demhöfisch-minnesingerischen (s. u. Lichtenstein). Während dieses wie das Minne-lied rein lyrisch die individuelle Stimmung des Dichters ausdrückt, hat dasvolksmäßige Tanzlied schon an sich einen chorischen, für eine Tanzgemein-schaft bestimmten Zweck und enthält seiner Entstehung nach einen epischenKern (s. Tanzlied, oben).

Nach den Jahreszeiten und nach den durch diese gebotenen Tanzartentrennen sich Neidharts Gedichte in Sommer- und Winterlieder, die nachInhalt und Form verschieden sind; jene gehören mehr seiner früheren, derbayerischen Periode an, diese mehr seiner späteren, österreichischen. ImSommer vergnügt sich die tanzlustige Jugend beim Reigen auf dem Angeroder unter der Dorflinde, im Winter ist sie in die Stube gebannt zum Tanze.Der Reigen wird gesprungen in oft übermütigen Hopsern; der Tanz, auf engenRaum beschränkt, wird getreten; jedoch wird zwischen den Bezeichnungenreien und tanzen nicht scharf getrennt. Wie die beiden Tanzarten in verschie-denen Rhythmen sich bewegen, so sind auch die metrischen Formen unter-schieden : die Sommerlieder haben meist kürzere, gedrungenere Strophen und

17 Deutsche Literaturgeschichte IV