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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Der Minnesang nach Walther 255

DER MINNESANG NACH WALTHER

Walther von der Vogelweide hat die Kunst zu einem Bild von Welt undLeben ausgedehnt, das die irdischen Spannungen und ihre Synthese in derewigen Heilswahrheit umfaßte. Kein Minnesänger nach ihm hat eine solcheWeite der Welt- und Lebensanschauung besessen. Die dichterischen Mittelhierfür waren ihm Lied und Spruch. In der Folgezeit trennten sich Minnesangund Spruchdichtung nach sozialen Schichten, indem jener das Gebiet derVornehmen blieb, diese mehr von den Bürgerlichen gepflegt wurde, jedochnicht in strenger Verteilung. Mit der sozialen Kräfteverschiebung vom Adelzum Bürgertum nach der Mitte des 13. Jh.s breitet sich der Minnesang auchbei den vornehmen Stadtbürgern aus. In den hohen Ständen galt das Minne-singen als ein Zeichen von besonders feiner Bildung und groß ist die Zahl derHerren", von deren Kunstübung die Minnesängerhandschriften zeugen. Siezehren von dem überkommenen Gut, neue Stimmungsmittel oder neue Ge-danken haben den Stiltypus nicht geändert, aber doch weiß mancher eine be-sondere Schattierung anzubringen, ein eigenes Motiv einzuflechten, und demtieferen Einblick öffnet jeder seine Sonderheit, wie geringfügig sie auch seinmag. Der Schwerpunkt liegt auf der Form und der begleitenden Melodie undunerschöpflich sind die Dichtersänger in der Erfindung immer neuer Strophen-bildungen.

Der konventionelle Inhalt des Minneliedes war Gemeinbesitz der höfischenKreise geworden, aus dem jeder schöpfen konnte, der sich berufen fühlte, imLied zu dichten, ohne daß er dabei ein bestimmtes Vorbild, einen anerkanntenälteren Sänger, nachzuahmen brauchte. Natürlich hatte auch mancher derNachfahren einen besonderen Lieblingsautor unter den älteren Dichtern,dessen Einwirkung er dann nachfolgte. Am unumwundensten bekennen sichUlrich v. Singenberg und Leuthold v. Seven zu Walter als ihrem Meister. DieIdee, die hohe Minne, steht immer noch im Mittelpunkt, aber mehr nur durchTradition als aus seelischem Bedürfnis. Man glaubt nicht mehr an die altenIdeale, und neue Formen, die dem neuen Geiste entsprächen, haben sich nichtdurchgesetzt. 1

Walther hatte in seinem offenen Sinn für alles Menschliche poetische Stim-mung auch im volkstümlichen Lebensbereich gefunden und die natürlicheFreude in schalkhaft zarter Weise ausgedrückt, er hat den Ton getroffen, derder harmlosen Maienlust ihre Natürlichkeit äne dörperheit wahrt (51, 13-36,auch 74,20). Aber nun kam, als er schon die Höhe seiner Kunst erreicht hatte,eine neue Richtung auf, die derbere Kost bot, den höfischen Sang entwürdigteund in der vornehmen Gesellschaft zu verdrängen drohte. Er klagt über un-gefüege dosne, die von den Bauern kommen und auch dorthin passen (64,31).Der Meister dieses Gegensatzes 2 zu dem edeln höfischen Kunststil war Neid-

1 Walther Rehm, ZfdPh. 52, 290 ff.

2Gegensang" von Uhland (5, 244-54) genannt.