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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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254 Die lyrische Dichtung

sangs überhaupt in der Richtung des romanischen Einflusses. Melodien zuWaltherschen Gedichten sind nur in den Münsterschen Bruchstücken nocherhalten (s. oben).

Über die Bildung, die Walther genossen, werden wir auch durch dieSprüche nicht unterrichtet. Das meiste hat ihn das Leben gelehrt. Aber einegewisse Schulbildung muß er doch durchgemacht haben, die er in sein öffent-liches Leben mitbrachte. Jedenfalls beweist er in seinem Leich dogmatischeKenntnisse, und so mag er vielleicht den Anfangsunterricht einer Kloster-schule empfangen haben. 1

Suchen wir Walthers geistig-sittliches Wesen in seinem Kerne undden hervorstechenden Merkmalen festzuhalten, so werden wir in all demReichtum auf eine Quelle geführt: das Leben, die lebendige Erfahrung. Da-mit ist er zugleich als Willensnatur gekennzeichnet. Der Wille ist der herr-schende Faktor in seiner seelischen Struktur. Stärke, Männlichkeit beweister in seinem persönlichen und politischen Auftreten, mit stolzem Selbst-bewußtsein reiht er sich, trotz seiner niederen Stellung, unter die werden, umwerdekeit hat er von Kind an mit unverzagter Arbeit geworben 66, 21. Under ist Aristokrat, trotz seiner Armut, die ihn als Spruchdichter zu bettelhaftenHuldigungen zwingt die übrigens im Urteil der Zeit nicht für erniedrigendgalten. Ein solcher Willensmensch wird auch ein leidenschaftliches Tempera-ment haben, und Walther wußte sich nicht immer in den Grenzen der mdjezu halten. Aber er ist nicht in beschränktem Standesgefühl befangen, er hateinen freien Sinn für reine Menschlichkeit, in tiefer Religiosität ruht sein Ge-müt, im Gottesgebot der Nächstenliebe sind alle Menschen und Bekenntnissegleich 22,3. Bildung des Innern, der Seele, ist Sinn und Aufgabe des Daseins. 2Dabei ist ihm ein freundlicher, das Herbe ausgleichender Humor verliehen,der sich aber auch zu Ironie und Satire zuspitzen kann. Mit klarem Blick er-kennt er die Welt der Erscheinungen und kämpft mit aufklärendem und be-lehrendem Wort, der Künstler und Sänger wirkt zugleich als Lehrer. Aber indieser Erweiterung seines geistigen Gesamtorganismus liegt zugleich eineEinschränkung seines spezifisch künstlerischen Vermögens. Nicht aus denGründen des Irrationalen, aus unbegreiflichen Tiefen des Gefühls quillt seinePoesie, sie ist geordnet durch die Formen der Anschauung und des Denkens.Darum ist er auch nicht reiner Lyriker, dessen Lied sich unmittelbar aus tieferErgriffenheit der Seele emporringt. Ja insofern Reinmar, auch Hausen, Mo-rungen die wenigen im höfischen Minnesang liegenden Elemente reiner undzutreffender darbrachten, haben sie dessen Wesen einen gleichgestimmterenAusdruck verliehen. 3

1 Burdach, Walther S. 27 f., dagegen paul,verfeinerte Menschlichkeit" dem ritterlichenAusg. S. 3; Schönbach-Schneider S. 29 ff. Standesideal Wolframs gegenüber.Musikal. Bildung: Burdach aaO.; Plenio, 3 Schönbach-Schneider S. 121.198 f.; Gün-Beitr. 42, 426 ff. ther Müller, DLz. 1925, 2486, Dt. Vjschr. 5,

2 Burdach, Walther S. 97, stellt Walthers 129.