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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Walther von der Vogelweide 253

mein Leben ein Traum oder ist es wahr? Das Lied ist eine Aufforderung zumKreuzzug, wohl an die österreichische Ritterschaft gerichtet (wahrscheinlichElegie" (Palinodie") 1 124,1 Owe war sint verswunden aüiu miniu jär, war1227 gedichtet), aber es faßt die Stimmung von Walthers ganzem Leben zu-sammen, ein Rückblick im Alter auf die Jugend, eine bittere Enttäuschungin der Gegenwart, eine Hoffnung für die Zukunft. Das Leben ein Traum. Es istdie naturgegebene Auffassung vom Sinn und Wert des Lebens, die jederMensch im Alter naturnotwendig erlebt hat. Hier hat Walther das höchsteZiel abgeklärter Lebensweisheit erreicht und seine eigene Lebenserfahrungzu einem überzeitlichen Symbol gestaltet.

Walthers Stil 2 ist der Ausdruck seiner Persönlichkeit und seiner Entwick-lung. Solange er unter dem Einfluß von Reinmars Kunst stand, folgte er derminnesängerischen Tradition, als er durchs Leben zur Selbständigkeit er-zogen wurde, schöpfte er aus dem Leben lebendige Anschaulichkeit undsinnenfrische Gestaltgebung; an Stelle von gedankenblasser Reflexion oderverschwimmenden Gefühlsschwingungen schafft nun bildnerische Phantasieleibhafte Personen, sehbare Situationen, belebte Handlung. Die Betrach-tungen über die Weltlage kleidet er in den drei Reichssprüchen ein in Situa-tionen: Ich saj äf eime steine, Ich horte ein wa3jer diesen, Ich sachmitminen ougen; die Welt ist eine Buhldirne im Wirtshaus des Teufels, dasKönigsrecht ein Braten, den die Köche (die Räte) zuzuschneiden haben(17, 11); Begriffe, Dinge werden personifiziert: frouwe Minne, frö Scelde, herMeie (46, 30), her Stoc (Opferstock 34, 14), frö Böne 17, 25. So vereinigtWalther eine epische und dramatische Begabung mit der bei ihm herrschendendichterischen Grundfunktion, der lyrischen. Den Inhalt für seine Dichtunggibt ihm einerseits die wirkliche, geschichtlich-gesellschaftliche Welt derPolitik und der Ethik, die Welt der Erfahrung, und andererseits die dichte-rische Welt der Phantasie, der Minnesang, verbunden mit dem Naturliede,denn die Natur ist ein wesentlicher Bestandteil seines Weltbildes, nicht bloßeine stilistische Dekoration und Formel.

Der Formenreichtum seiner Verskunst 3 liegt wie die Metrik des Minne-

1 Nach Wilmanns-Michels Ausg. S. 413ff.: Diss. 1921, Masch.-Dr.; Brinkmann, Wesen u.v. Kraus, Rede S. 14 f.; Ders., K. Zwierzina Form 1928 Reg. S. 195. Euling, Priamelzum 29. März 1924; Meissner, ZfdA. 63, S. 466. Dialekt: Zwierzina, ZfdA. 44 Reg.165 ff.; Büscher, ebda 64, 267 f.; Walter S.356. 45 Reg. S. 351.

Rehm, Todesgedanke S. 49 ff.; Güntert, 3 W. Grimm, Zur Gesch. d. Reims, Kl. Schr.4

Kundry S. 33. 43. Reg. S. 335 f.; Saran, Verslehre Reg. S. 354;

2 Burdach, Reinm., bes. S. 33-100, Walther Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 338-50,S. 102-17. 122; Wilmanns-Michels, Leben Einzelnes u. Zitate S. 549-53; Burdach,W.s S. 350-88. 553. Rich. Galle, Die Per- Reinm. S. 174-82 u. pass.; C. v. Kraus, Dersonifikation, Leipz. Diss. 1888; Erich Gärt- rührende Reim, ZfdA. 56, 75; Plenio, Beitr.ner, Die epitheta bei W. v. d. V., 1911; Adele 42, 255 ff. 411 ff. 43, 56 ff.; Steller, D. LeichStoecklin, D. Schilderung der Natur im dt. W.s u. sein Verhältnis zum religiösen Leich,Minnesang, Basler Diss. 1913; Betti Jacob- ebda 45, 307 ff.; Sievers, ebda 50, 331 ff.;söhn, Farben, Teutonia 1922, 1915; Regine Kurt Halbach aaO.; Rosenhagen, Reallex.Strümpell, Gebrauch von Saelde, Erlanger 1,357-60; v. Kraus, Waltherforschung S. 266.Diss. 1917; Frieda Trey, Statistik der anti- 268.

thet. Wendungen bei W. v. d. V., Greifsw.

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