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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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252 Die lyrische Dichtung

wähnt, aber durch das Geschrei einer Krähe aufgeweckt wird, worauf ihmein altes Weib den Traum deutet mit der nichtssagenden Auslegung: zweiund eins sind drei und ein Daumen ist ein Finger.

In keinem Liede ist die Herrlichkeit und Hoheit des Weibes in leuchtende-Iren Farben gemalt als in demMaifestliede" 45, 37: der Adel und die Schön-) heit einer edeln Frau überstrahlt allen Glanz der Maienwonne, wir lasen allebluomen stän und kapfen an daz werde wip. Uns Deutschen der Gegenwartaber steht Walther nirgends so nahe als in seinem Deutschlandsliede Ir sultsprechen willekomen 50, 14; in dem Preis deutscher Sitte und Art hat er unseine heilige Mahnung zur Vaterlandsliebe hinterlassen. Besondere Formen:ein Tagelied 88, 9; Frauenmonolog 111, 32. 113, 31; eine gewisse Vorliebehatte Walther für die Wechselrede, besonders in seiner früheren Zeit: 43, 9. 70,22. 71, 35. 82, 11. 85, 34. 100, 24. 119, 17; das Botenlied 112, 35 ist Waltherabzusprechen.

Ganz zurück tritt die Kraft des Persönlichen in Walthers religiösen Gesän-gen. In den beiden Kreuzliedern 14, 38. 76, 22 spürt man keine Begeisterungdes Gottesstreiters; sie sind ganz auf religiöse Besinnung gestellt. In 14, 38wird das Dogma von der Erlösung vorgetragen in den sieben Heilsstationendes Lebens Christi, zum Preis des Landes, in den er gewandelt; 76, 22 ist einGebet an den dreipersönlichen Gott, an Maria um Erlösung der Menschheitvom sündhaften Leben und um Befreiung des heiligen Grabes. Ganz dog-matisch ist der Leich 3, 1, eine Auslegung der Trinität und des Wunders derMagdgeburt. Auch im Heiligen verläßt ihn nicht sein Humor: auf einen ehr-fürchtigen Preis Gottes und der süe^en maget richtet er selbstbewußt einenfreimütigen Tadel gegen die drei Herren Erzengel, daß sie nichts gegen dieHeiden tun 78, 24.

Walthers Dichtung umfaßt sein ganzes Leben: Jugend, Wanderzeit, Alter.Aber die Ruhe hat er nicht erlangt, und es gibt nur eine Heimkehr, die inshimmlische Vaterland. Das ist das Ergebnis seiner Erfahrung im Alter: Ichbin einer, der nie einen halben Tag mit ungetrübter Freude hat vertrieben....Niemand kann hier Freude finden, die nicht zergeht 41, 13; übel dankt dieWelt dem, der ihr dient 117, 8 (vgl. 59, 37); in einem Zwiegespräch hält er un-erbittlich Abrechnung mit Frau Welt, die im Wirtshaus des Teufels 1 mit denGästen schön tut und sie mit Schmeicheleien betrügt 100, 24. Er kann sichin die neue Welt nicht mehr finden, und bitter beklagt er, daß die Freudeunter der Jugend geschwunden ist (42, 31. 44, 35. 47, 36. 97, 34. 112, 10.1116, 33. 117, 29. 118, 12. 120, 7. 124, 18). Er macht den Weg vieler Weltleutedes Mittelalters von der Weltlust zu der Weltverneinung, zum schroffenDualismus. 2 Vierzig Jahre und mehr hat er von minnen gesungen 66, 21, 3 eswäre hohe Zeit zur Buße 122, 24, und seine Lebensdichtung klingt aus in die

1 Güntert, Kundry 1928,33. Stellen über 2 Brinkmann, Dt. Vjschr. 3, 634-36.die Welt: Wilmanns-Michels, Leben W.s 3 v. Kraus, Germanist. Forsch., Wien 1925.S.551.