Walther von der Vogelweide 251
die Frauenverehrung, spornt zu hohem Streben an und verleiht das Selbst-gefühl autonomer Würde, die niedere Minne ist unrühmlich, sie zieht zur Sinn-lichkeit hinab (46, 32) . l Diu liebe, das Liebhaben, kommt aus dem Herzenund kennt keine Schranken des Standes, demgegenüber ist diu schoene, deräußere Glanz, selbst einer Königin geringwertig (49, 25. 111, 12). 2 Was mansonst „niedere Minne" nannte, zu einem Mädchen „niederen Standes", daserhebt er zu einer wonnevollen Glückseligkeit des Herzens. In dem Liede„Under der linden an der heide" 39, 11 hat er das natürliche Empfinden eineseinfachen Mädchens, das Glück erfüllter Liebe, in solche Zartheit und rüh-rende Anmut gehüllt, daß die sinnliche Situation ganz umsponnen ist voneiner heimlichen Seligkeit. 3 An ein Mädchen einfachen Standes wendet sichausdrücklich außer diesem Tanzliedchen nur noch 74, 20, eine Aufforderungzum Tanz an eine wolgetäne maget und zum Rosenbrechen auf der Heide.Aber alles ist nur ein Traum. Aber im übrigen ist meist kaum zu unterschei-den, wo Walther an Minnedienst einer Dame oder an ein einfaches Mädchendenkt (Wilmanns-Michels, Leben W.s S.213), so liegt der Unterschiedgegen den vollhöfischen Sang in einer ungebundeneren Anschauung und Sti-/lisierung, die nicht auf die übliche Minneterminologie beschränkt ist. In die-se Gruppe „volksmäßiger" Minnelieder gehören 50, 19, ein Rat an das ge-liebte Mädchen, wie es sich gegen den liebenden Dichter verhalten soll; auch112, 3 hat ein volkstümliches Motiv, das Rosenlesen; in 72, 31 versteigt sichWalther zu unhöfischem Schelten gegen eine Frau der Gesellschaft, der erMinnedienst leistet, wobei er seinen Dichterstolz hervorkehrt; charakteristischfür die volksmäßige Verbrämung höfischer Minneauffassung ist 65, 33, das:Halmorakel, wo er wie im Kinderspiel an einem Strohhalm abzählt, ob erbei seiner Dame genäde finden werde oder ob er von ihrem Dienste gehen soll:das Ergebnis ist tröstlich. Humoristisch ist auch 73, 23, wo er die Heilerinseiner Herzenswunde, die verehrte Dame, Hiltegunde nennt mit Anspielungauf die Sage von Walther und Hildegund. — Motive aus dem Volksleben,die an manche Strophen der Carmina Burana erinnern, weisen die lebens-vollen Naturlieder 39, 1. 51, 13-36. 114, 23 in diese Gruppe des volksmäßi-gen Stils. Von köstlichem Humor eingegeben sind endlich das Vokalspiel75, 25, wo in einer Fülle von Einfällen die Unbill des Winters gezeichnetwird, in fünf siebenzeiligen Strophen, die, einreimig, der Reihe nach auf diefünf Vokale ä, e, i, 6, ü ausgehen; und 94, 11, eine Vision („Traumglück"), 4wo der Dichter sich in einem Traume auf dem Anger in den Himmel versetzt
1 Wilmanns-Michels, Ausg. S. 200; Bur- den, nicht als Dame von Stand.
dach, Reinm. S. 12 f.; Paul, Beitr. 8, 171 ff.; 3 Der äußere Rohstoff ist wohl von der An-
Jellinek, ebda 42, 4-11; Wechssler, Kul- tike, von Ovids Sappho-Epistel, eingegeben
turprobl. S. 328 ff. (Schwietering, ZfdA. 61, 69 f.) und wird
2 Eine ähnliche Hebung des inneren Wertes Walther durch ein Vagantenlied vermitteltüber den Wert der sozialen Stellung liegt in sein (Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 158).dem Vorzug des Namens wip gegenüber i Einwirkung der Antike, Ovids: Schön-frouwe 48, 38. 82, 35, dem Geschlechtsnamen bach, Wiener SB. 141, 152; Singer, Beitr. 44,gegenüber der Standesbezeichnung: die Frau 470-72; Schwietering, ZfdA. 61, 69; Brink-hat ihren Wert wegen ihrer weiblichen Tugen- mann, Entstehungsgesch. S. 153 f.