250 Die lyrische Dichtung
(87, 1. 91,17, vgl. Spruch 22, 33. 24,3). Grundlage von Walthers Ethik 1 bildendie drei untereinander abgestuften Werte der Moralis philosophia (LG. II, 2,23 u. Reg. S. 346): gotes hulde, ere und irdisch guot (8, 4. 20, 16. 22, 18. 33. 83,27, vgl. 29, 27 f. 37, 29 f.). Die Umwelt, für die seine moralischen Betrachtun-gen berechnet sind, ist die höfische Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht dieere; der mindere Wert ist das irdische Gut, diu ere geht vor dem guote31, 17 f.; religiöse Sprüche (gotes hulde) sind selten (die Mariensprüche 36, 21.31. 37, 4. 14 gehören kaum Walther an).
Die etwa hundert Sprüche Walthers verteilen sich auf etwa 16 Töne, 2 dereneinzelne Sprüche jedoch nicht alle jeweils zur gleichen Zeit verfaßt sind,auch oft inhaltlich nicht zusammengehören. Auch haben die Handschriftenkeine geordnete Reihenfolge.
C Walthers Lieder. Mit Minneliedern hat Walther seine dichterische Lauf-bahn begonnen, aber mit den Jahren hat er seine Lyrik ausgedehnt zur ge-samten Lebensstimmung. In der Jugend sang er konventionelle Minneliederhöfischen Stils in der Art, die Reinmar am Wiener Hofe eingeführt oder zurBlüte gebracht hatte. Diese traditionsgebundenen Frühlieder Walthers (auchAnklänge an Hartmann und Morungen finden sich) mit dem üblichen Dienenund Werben um die Gunst der Dame kommen nicht aus dem Herzen, sie sindmit dem Verstand gemacht, die Sprache ist logisch konstruiert, häufig mitBedingungsantithesen . 3
Mit seinem Wanderleben aber schlug seine Lyrik neue Bahnen ein. Durchdie neu erworbene, umfassendere Menschenkenntnis erweiterte sich sein Blick
I über die Schranken ständischer Gesellschaftsformen zum Verstehen des all-gemein Menschlichen; damit gewann auch seine Auffassung des Liebes-problems einen neuen Inhalt, das Minneideal stellte sich ihm nicht mehr nurin der Schönheit einer vornehmen Dame dar, der Sinn für angeborene weib-liche Lieblichkeit ging ihm auf, die in dem schlichten Wesen eines einfachguten Naturkindes sich ungeschminkt zeigen kann. Leben und Bewegung,
I Anschaulichkeit und Natürlichkeit, ein realer Sinn mit Humor gepaart ist das
'Element dieser „volksmäßigen Lyrik", 4 während das höfische Minneliedseiner Tendenz nach auf Empfindung und Gedanken zusammendrängt. Jetzt
/beschäftigt ihn die Wertabstufung von „hoher" und „niederer" Minne.
\ Sie beruht auf sozialem Grunde, da bei letzterer das Mädchen einfachen
i Standes ist, doch Walther erhebt sie in die moralische Sphäre: die hohe Minne,
1 Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 239-62; 120, 25; s. auch Wilmanns-Michels, LebenBurdach, Reinm. 2 S. 344-56; Ehrismann, W.s S. 194-97.197-204; v. Kraus, Reimar IIIZfdA. 56, 152-71. bes. S. 22-25, auch v. Kraus, Rede S. 6-8;
2 Aufgezählt bei Plenio, Beitr. 42, 436; Wil- Schönbach-Schneider S. 211 f.; Halbachmanns-Michels Ausg. S. 130f. — Priamelartige S. 67-79.
Sprüche s. Euling, Das Priamel 1905, 466. 4 Erkannt von Burdach, Reinmar S. 11 ff.
3 Burdach hat Reinm. S. 100-23 durch Ana- Er zählt die dahin gehörenden Lieder auf S. 24:lyse der Gedanken, des Strophenbaus und des 39, 1. 39, 11. 49, 25. 50, 19. 51, 13-36. 65, 33.Stils zwölf vonReinmar abhängige SprücheWal- 72, 31. 73, 23. 74, 20. 75, 25. 94, 11. 110, 13.thers charakterisiert: 13, 33. 64, 13. 71, 19. 35. 111, 12. 112, 3. 114, 23.
95, 17.96,29. 109, 1.113,31. 118, 12. 119, 17.