248 Die lyrische Dichtung
und weiseste aller seiner Sprüche ist eingegeben von der Not des Vaterlands,die nur durch sittliche Lebenshaltung behoben werden kann: Ich saz üf eime.steine (8, 4). Alle Geschöpfe folgen der Weltordnung, nur das deutsche Volkist uneinig in der Wahl seines Führers (8, 28). Mit gutem Verständnis für dieAuffassung von Walthers Charakter hat der Maler der Manessischen Hs. fürseine Darstellung die Situation dieses Spruches gewählt.
Als durch Philipps Tod Otto der alleinige Herr war, schloß sich Waltherihm als dem nunmehrigen rechtmäßigen Reichsoberhaupt an. Als Otto sichdurch seine Unbeständigkeit mit dem Papst entzweite, griff Walther unmittel-bar in die große Reichspolitik ein. Er schleuderte gegen die Kurie die heftig-sten Anklagen des Trugs und der Habsucht. 1 Aber für Ottos Persönlichkeitkonnte Walther keine Sympathie gewinnen, er war geizig und lohnte nichtdenen, die ihm Dienste leisteten (Sprüche betr. Otto IV: 11, 6. 18. 30. 12, 6.18.30.26,23.33.33, 1. 11. 21. 31. 34, 4. 14.24).
Er neigte viel mehr der großzügigen Persönlichkeit des jungen StaufersFriedrich II. zu und trat bald auf dessen Seite, als er 1212 zum Gegenkönigaufgestellt und gekrönt wurde (1215 Absetzung Ottos IV. durch den Papst).Durch seine kraftvollen Sprüche gewann er großen Einfluß auf die Öffentlich-keit und war ein wertvoller Parteigänger geworden. Jetzt gilt sein Wort haupt-sächlich der Mahnung zum Kreuzzug, den Friedrich 1215 bei seiner Krönungangekündigt hatte und den der neue Papst Honorius III. (1216-27) eifrigbetrieb. Nun war sein Stern im Steigen. Bald erhielt er von Friedrich ein,wenn auch schmales, Geldgeschenk (27, 7), er ließ mit weiteren Bitten nichtnach und erreichte endlich, etwa 1200, daß der Kaiser ihm ein Lehen erteilte,wahrscheinlich einen Hof bei Würzburg, und somit hatte er endgültig die er-sehnte Heimstätte gefunden (10,1. 9. 17. 25.33. 13, 5. 12. 19, 26. 26, 33. 27. 7.28, 1. 31. 29, 15. 84, 30, auf den zuchtlosen Sohn Friedrichs IL, König Hein-rich, sind vielleicht die drei Sprüche 101, 23. 102, 1.15 berechnet).
Die dauernde Ruhe fand sein bewegtes Leben im Kreuzgang des Neumün-sters zu Würzburg, wo er, um 1230, bestattet wurde. Auf dem Grabsteinwaren vier lateinische Hexameter eingemeißelt: Der du im Leben gewesenbist die Weide der Vögel, o Walther, die Blume der Beredsamkeit..., wer diesliest, soll sagen, Gott erbarme sich seiner. So berichtet das um 1350 geschrie-bene Hausbuch des Würzburger Kanzlers Michael de Leone und die berühmte,von demselben angelegte Würzburger Handschrift (s. oben).
Engere persönliche Beziehungen als zu den drei deutschen Reichsoberhäup-tern verbanden Walther aber mit den beiden kunstsinnigenFürstenhöfen vonÖsterreich und Thüringen. Im Dienste der kaiserlichen Regierung war seineAufgabe hauptsächlich die politische Agitation, bei dem Babenberger Her-zog Friedrich und bei dem Landgrafen Hermann von Thüringen galt
1 Thomasius vertritt gegen Walther den päpstlichen Standpunkt, Wälscher Gast 11091 ff.,bes. 11191 ff. (s. unten).