Reinmar der Alte 241
Gotfrid als hohe Aufgabe der Minnesänger verkündigt: sie sollen so singen,daß sie zu Freuden bringen ihr Trauern und sehnendes Klagen (Tristan 4815),und Walther in seinem Nachruf preist ihn: Du kündest al der werlte fröidemeren. Sein von der Nachwelt gefeiertstes Lied aber war der Frauenpreis mitdem zum geflügelten Wort gestempelten Vers So wol dir wip, wie reine einnam (165, 28), in den Walther in seiner Totenklage seinen unvergänglichenRuhm zusammengefaßt hat. Auch hatte Reinmar, trotz seiner elegischenLyrik, nicht von Natur ein melancholisches Temperament, er ist zufriedenmit seiner äußeren Lage, er könnte heiter sein und guter Dinge, wenn ihn nurder Minnejammer nicht quälte. Das ist offen gesprochen, läßt aber durch-blicken, daß er es auch anders könnte. Er ist von starkem Selbstgefühl, mitKünstlerstolz sagt er von sich: Wer je die Welt mehr erfreute als ich, demmag es wohl ergehen 164,3. Auf den Beifall der Welt kommt es ihm an, überdiesen Bereich hinaus in ewige Regionen reichen seine Lieder nicht.
Wie der Inhalt seiner Dichtung, so ist überhaupt sein künstlerisches Ver-mögen einseitig, er besitzt keine Anschauungskraft und bildschöpferischePhantasie, er arbeitet mehr intellektuell in der Reflexion über seinen Zustandund über die Gesinnung seiner Herrin. Die Erscheinungswelt ist ihm Neben-sache gegenüber der seelischen Spannung, auch die Natur läßt er nicht mit-sprechen. Die Eintönigkeit seiner Klagen wirkt ermüdend, so empfanden auchseine Zuhörer, und er mußte manchen Tadel hören (158, 11. 165, 12. 167, 13.175, 8. 188, 18. 197, 10). Aber bei tieferem Eindringen wird man gefesseltdurch die Mannigfaltigkeit der Wendungen, durch die Untersuchungen vonC.v. Kraus haben wir ein günstigeres Urteil über seine Eigenart gewonnen.
Aus seinen Liedern erhalten wir auch einen Einblick in das Verhältnis desSängers zur Hofgesellschaft, tiefer als bei den so stereotypen Klagen andererüber die huote. Häufig sind seine Klagen und Ausfälle gegen „die Leute, dieWelt, die Vielen (manege), die Andern, die Neider, sie". Man blickt hinter dieKulissen; wie ihn die Hofwelt verspottet und anfeindet als einen Streber,der sich in die Gunst seiner hohen Dame einschmeicheln will. Sind das nurpersönliche Schikanen, so hat ein anderer Kampf literaturgeschichtliche Be-deutung: sein Liederstreit mit Walther. 1 In einer Reihe von Liedern sowohlReinmars als Walthers äußert sich die Gegnerschaft in mehr oder wenigerverblümten Anspielungen und Beziehungen. Walther ist nicht eigentlich alsSchüler Reinmars zu betrachten, wie das die frühere Ansicht war, sondernals Nebenbuhler. Die Konkurrenz ist die eigentliche Triebfeder ihrer Pole-mik. Der Tod hat seinen versöhnenden Schleier darüber gebreitet: dem dahin-geschiedenen Rivalen hat Walther einen ehrenden Nachruf gewidmet.
Die Einförmigkeit der Selbstanalyse wird unterbrochen durch einige Lie-der, in denen die Frau das Wort ergreift: an einen Boten 177, 10.178, 1; Ant-
1 Burdach s. oben S. 282; v. Kraus, Die Berta Wagner, ZfdA. 62, 67-75; Halbach,
Lieder Reinmars d. A. III, bes. S. 5-27; Vogt, Walth. v. d. V. u. die Dichter des Minnes.
Anz. 40, 125 f.; Schneider, 4. Aufl. von Frühl., bes. S. 67 ff., u. ZfdA. aaO. — Reinmar
Schönbachs Walther 1923 S. 79 ff. 94 f. 211 f.; u. Wolfram s. LG. II, 2, 221 f.
16 Deutsche Literaturgeschichte IV