Heinrich von Morungen. Reinmar der Alte 239
schauen und im Bilde darzustellen entfaltet er am phantasievollsten in derzauberhaften Erscheinung der Geliebten 138,17 (s. besonders v. Kraus, Gott.Abh. NF. 16, 1, 1916, S. 40 ff. u. Ausg. S. 103 ff.): Wenn ich allein bin, leuch-tet sie mir vor den Augen, sie kommt zu mir durch die Mauer, sie führt michmit ihrer weißen Hand hoch über die Zinne, ich meine, sie ist eine hehreVenus, wenn es ihr gefällt, geht sie dort her zu einem kleinen Fenster, wiewenn die Sonne scheine. Bilder in Licht getaucht geben wie hier seiner Dar-stellung oft einen farbigen Glanz. Sein offener Blick führt ihn auch in dasReich der Natur: die kleinen Vögelein, die nach dem Tage ausschauen 126, 36;die Sitte der Nachtigall, die verstummt, wenn ihre Liebe zu Ende ist, wogegendie Schwalbe nicht in Lust noch Leid ihr Singen läßt 128, 34; die sprechendenVögel Sittich und Star 127, 24. 132, 8; das Echo im Walde 127, 11; der flüch-tige Wind 136, 9; dem lichten Maienschein und dem Ostertag gleicht die Ge-liebte 140, 15; er möchte ihr heimlich vertraut sein wie das kleine vogellinda.3 ir singet und ein lützel nach ir sprechen kan 132,35. So ist die Natur in dasseine Lieder durchströmende Seelenleben verwoben, während er die typischenNatureingänge und Schilderungen meidet.
Freilich steht auch Morungen unter dem Einfluß der Tradition. Mancheshat er aus der geistlichen Literatur; die Kenntnis der antiken Literatur zeigt,daß er eine gewisse Schuldbildung genossen hat (die Grabschrift 129, 36 =Metam.9, Nachtigal und Schwalbe = Metam.6, Ascholoie 139, 9 a = He-roiden 15, auch Metam. 9, Amores 5; Narcissus 145,22 = Metam. 3). — Nochheben sich von den andern Liedern ab der Wechsel 130, 31 u. 142, 19-143, 3,der Tageliedwechsel 142, 22, endlich die höfisch stilisierte Pastourelle 139, 19,in der die Geliebte in drei Situationen vorgestellt wird. 1
Morungens Gedankenbildung ist stark antithetisch. Auch seine Empfin-dungsweise zeigt Polarität: energisches, ja heftiges Losbrechen und sentimen-tale Todesgedanken; helles Sehen und magische Vision; im Aufbau der Ge-danken sprunghafte Einfälle und auskostendes Verweilen. In der Verskunstist er Meister, von einfachen Reimbindungen zu graziösen Verschlingungenweiß er das Tönegewand dem Sinne anzupassen. 2
Reinmar der Alte
Am reinsten hat den Typus des Minnesangs zum Ausdruck gebracht Rein-mar der Alte. 3 Auch von den Zeitgenossen wurde er als Führer anerkannt;
1 Schönbach, Wiener SB. 141, 144 f.; 30, 188 f.; Sievers, Beitr. 50, 331-51. Dakty-Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 149. — Die len: Heusler 2, 221 ff.
Situation in Str. 2 u. 3, 139, 28. 140, 1 wird 3 Vogt 3 S. 409-37; Bartsch, Liederd.Nr.XV;
wörtlich ebenso eingeleitet in Johannsdorfs v. Kraus, Übungsb. 2 S. 291. — Burdach,
verhöfischter Pastourelle: ich vant si.. . eine. Reinmar d. Alte u. Walth. v. d. Vogelw. 1880,
2 Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 233; Gott- 2. Aufl. 1928, dazu Halbach, DLz. 1928, 2203schau, Beitr. 7, 336 ff.; K. Schütze, Die Lie- -08, Schneider, Anz.49,148, Ehrismann, Lbl.der H.s v. M. auf ihre Echtheit geprüft, Kiel. 1929,247, Sparnaay, Museum 36,134 f.; Bur-Diss. 1890 S. 15 ff.; Schissel v. Fleschen- dach, ADB. 28, 93-97 u. Reinm. 2 S. 366-72;berg S. 114-22. — Metrik: A. Lohmann, Me- Ders., Beitr. z. Kritik d. Erklärung der Ge-trisch-rhythmische Untersuchungen über H. dichte R.s d. Alten, Leipz. Diss. 1880; Ders.,v.M., Münchn. Diss. 1908, dazu Saran, DLz. Zu Reinm. u. Walth., Beitr. 8, 461 ff., u.