236 Die lyrische Dichtung
lieh: Minne dünkt am Anfang gut, da doch das Ende sehr traurig ist 114, 9;er liebt die Dame herzlicher als Tristran, der den Trank getrunken, Isalde (dasgleiche Motiv, aus Chrestien, s. oben bei Veldeke). Einen vorzüglichen Kunst-griff hat Bernger mit der Verwendung der bewußten Fiktion in seinem sog.„Lügenliede" getan 113, 1 (der Grundgedanke ist eine Erweiterung einer auchvon Morungen gebrauchten Vorstellung 125, 21). Die Wirkung beruht aufder Überraschung: in drei Strophen malt er einen herrlichen Zustand seinerweltüberspringenden Freiheit, seiner übersprudelnden Freude und seiner be-glückten Liebe aus, um am Schluß jeder Strophe zu widerrufen: das ist ge-logen. Das letzte, einstrophige Lied 115, 27 ist ein Virtuosenstück mit gram-matischen und inneren Reimen, in Daktylen, die er überhaupt liebt (113,1.113,33. 114, 21. 115, 27, vgl. Heusler 2, 220). Er hat ein starkes künstlerischesBewußtsein auf seinen „Sang" 112, 24. 113, 38. 115, 3. 6. 7. 115, 27 ff.
Hartwig von Rute. Bligger von Steinach. Engelhart von Adelnburg
Von Hartwig von Rute 1 (Heimat Oberbayern, Salzburg oder Ober-österreich) sind nur drei einzelne Minnestrophen erhalten, in deren dritter117, 26 über die höfische Manier hinaus natürliche Sinnlichkeit ungeschminktzu Worte kommt; und ein mehrstrophiges, unvollständiges Lied, in dem derDichter in fremdem Lande, wo er, wie es scheint, im Dienste des Kaisersweilt, selbst in Todesgefahr statt seine Sünden zu beichten um die Gnadeder Geliebten sich sorgt.
Mit großen Erwartungen wird man an die Lyrik des Bligger von Stein-ach 2 gehen, ist er doch jener von Gotfrid wegen seiner glänzenden Sprachedes wundersamen Sinnes so hoch gepriesene Verfasser des „Umbehanges"(LG. 11,2,321.323 Anm.3 und in diesem Band oben), aber man wird ent-täuscht sein. Die unter seinem Namen überlieferten spärlichen Reste — zweiMinnelieder und ein Spruch — erlauben freilich kein abschließendes Urteil.Die Lieder erheben sich nicht über den Durchschnitt; immerhin ringt sichaus den allgemeinen Minnebegriffen eine faßbare Vorstellung los, da wo erseine gedrückte Stimmung mit der des Saladin um Damaskus vergleicht. Auf-fallend ist der Spruch: wie ein Fahrender mahnt der Dichter zum rechtenGebrauch (ze mä^e) des Gutes und macht die ere (das Geehrtwerden) abhän-gig von der mute (Freigebigkeit) und schäme (Ehrgefühl). Hier redet die Ge-sinnung eines Gehrenden, und der Spruch wird darum nicht von dem hohenadeligen Herrn, sondern von einem Spielmann herrühren.
Bligger stammte aus dem freiherrlichen Geschlecht, dessen Burgen nochheute auf Neckarsteinach bei Heidelberg herabschauen. Sein Name tritt in
iVocT 3 s. 378 f.; Ehrismann, ZfdPh. 33, 2 Vogt 3 S. 380-82; Bartsch, Liederd.
405; Schneider, Beitr. 47, 234; Brinkmann, Nr. XVII. — Stil: Burdach, Reinm. Reg.
Dt. Viertelj. 3, 627; Günther Müller, Real- S.92; Schissel v. Fleschenberg S. 113 f.;
lex. 2, 213. Stelle: Schröder, ZfdA. 67, 252; Schröder, ZfdA. 67, 252 (der Spruch MF.
Wallner, Stammlers Verfasserlex. 2, 219 f. 119, 13 ff. gehört nicht Bligger an, sondern ist
— Daktylen: Heusler 2, 237. Stil: Schissel später); Gierach, Stammlers Verfasserlex. 1,
v. Fleschenberg S. 112 f. 248-50; Korn, Freude u. Trüren, 50.