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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Heinrich von Rugge. Bernger von Horheim 235

ob tump oder wise 100, 5. 102,16. 103, 35. 108,25, was im Eingang und Ab-schluß des Leichs als Humilitätsbezeugung im Sinne christlicher Tugendlehregewendet ist. Seine Minnelieder bewegen sich in dem gewöhnlichen Geleisemit dem herkömmlichen Apparat von dienst und Ion usw., er huldigt damitder gesellschaftlichen Mode ohne innere Ergriffenheit. Er ist ein tüchtigerMann, die Gesinnung (muot, guot sein) geht ihm bei der Frau über die Schön-heit 105, 22. 107, 27. Und ein zweckhafter Tatsachensinn spricht auch ausseinem wertvollsten Gedichte, dem Kreuzleich. Rat will er erteilen, und derbesteht in der Aufforderung zur Fahrt mit praktischer Begründung, indemdie Teilnahme am Kreuzzug aufgefaßt wird im Verhältnis von Dienst undLohn: wer jetzt Gott dient, der wird das Himmelreich erlangen. Das ist einHauptstück der Kreuzzugsreden, und der ganze Leich ist nicht von glaubens-inniger Frömmigkeit eingegeben, sondern nach dem Schema einer Kreuz-predigt angelegt. Hervorgerufen ist die Kundgebung durch die weltbewegen-den Nachrichten vom Tode des Kaisers Friedrich, und der Dichter selbst hatden Entschluß zur Fahrt gefaßt 99, 17. 102, 14. Persönliche Gefühle wie dieMinne läßt er in diesem öffentlichen Aufruf nicht zu. Als geschickter Werbererweist er sich durch Einflechtung einer dramatischen Momentszene, eineUnterhaltung zweier Mädchen über einen feigen Liebhaber, der zu Hausebleiben und sich die Zeit mit Weibern vertreiben will; ein derbes Gegenstückgegen den gleichen Gedanken, den Hausen in seine fein höfische Art kleidet48, 13. Auch in Minnelieder läßt Rugge den ernsten Ton einklingen von derVergänglichkeit und Torheit der Welt 102, 14. 105, 32, und in einem anderenLiede geißelt er die gegenwärtigen Zustände, die Freudlosigkeit und dasTrachten nach Gut 108, 22 (vgl. 102, 22).

Zur handschriftlichen Überlieferung der Lieder Rugges ist zu bemerken,daß in C und A Strophen sowohl unter Rugge als unter Reinmar stehen.

Zu bedauern ist, daß wir von Bernger von Horheim 1 (wahrscheinlichaus einem rheinfränkischen Geschlechte aus der Nähe von Frankfurt am Main,in zwei in Italien ausgestellten Urkunden 1196 bezeugt) nur so wenige Liederbesitzen (sechs), denn er setzt den minnesingerischen Stil Hausens, von demer beeinflußt ist, und Gutenburgs in eigenartiger Auffassung fort. Er erlebtein sein Minneempfinden ähnlich beschwerendes Schicksal wie Hausen: dieHeerfahrt nach Pülle (Apulien) mit Heinrich VI. 1195/96. Auch er muß dasWeh der Fremde erdulden, und fromm empfiehlt er die Geliebte Gott undallen seinen Engeln 114, 21; es herrscht hier eine Stimmung wie beim Auf-bruch zu einer Kreuzfahrt. Sein Herzeleid ist so groß, daß er keine Wortedafür finden kann: auch diese Klage ist unter dem Eindruck der Italienfahrtgedichtet 115, 7. Aus der lebendigen Wirklichkeit sind die zwei Lieder 114, 21und 115, 7 hervorgegangen. Seine Erfahrungen in der Minne sind schmerz-

1 Vogt 3 S. 375-78; Bartsch, Liederd. Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 232;

Nr. XII. Schneider, Beitr. 47, 234; Schisselv. Fleschenberg S. 112; Wallner,

Schwietering, ZfdA. 61,78; Schröder, ebda Stammlers Verfasserlex. 1, 198 f.; Schröder,

62, 232. 67, 196; Korn, Freude u. Trüren 51 f. ZfdA. 67, 252 (Stelle).