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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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234 Die lyrische Dichtung

inneren Zustände. Der Minnebegriff ist bei ihm von einer sittlichen Idee ge-tragen, und in einer Allegorie faßt er als Schlußergebnis seine persönliche An-schauung von der Minne zusammen: die Lehrmeisterin zuht, die Sittsamkeit,bleibt in seinem Verhältnis zu der Dame Siegerin. Ein origineller Kunstgriffist die Übertragung der Pastourellenart auf einen höfischen Liebesantrag indem Liede 93, 12j 1 ganz unhöfisch ist der Ton, in dem die Dame, wie eineBäuerin der Pastourelle, den minnekummerklagenden Ritter abfertigt. Aberauch diese Absage schließt mit einer ethischen Spitze: Der Lohn des Dienstesbesteht in einem idealen Gute, in der Erhöhung der sittlichen Kraft. Esklingt wie eine Ironie auf die galante Theorie vom Minnedienst.

Die Minne ist ihm nicht bloß Theorie, sie ist ihm Herzensangelegenheit: ejgät von herzen gar 88, 6. Darin beruht die Wahrheit seiner Empfindung, daßer für die Liebe einfach ungeschminkte, volkstümliche Worte hat: Swä zweiherzeliep gefriundent sich .. ., die sol nieman scheiden, danket mich 91, 29,oder: swenne si gedenket stille an sine not ,lebt min herzeliep, oder ist er tot?'95, 11; diese sehnenden Scheidegedanken sind beide Male der Frau zugeteilt.

Auch Johannsdorf hat im Grunde eine heitere Lebensanschauung, wieVeldeke, aber sie hat einen tieferen Ursprung, sie liegt in seiner Ausgeglichen-heit mit dem Ewigen: Gott selbst ist der Schöpfer der Freude, der al derwerlte fröide git, der troeste min gemüete 92, 14; mit dem Kehrreim vröide undsumer ist noch allej hie schließen die Strophen von 90, 16, mit dem Ausdruckder Freudebezeugung 91, 1.

Die Sprache Johannsdorfs ist wirkungsvoll und gibt die Stimmung kräftigwieder. Entsprechend seiner frommen Gesinnung hat sie stark kirchliche Fär-bung. Sein Strophenbau, 13 Töne, ist kunstvoll ohne Uberkünstelung.Einige Male läßt er ungenaue Reime zu. 2

Heinrich von Rugge. Bernger von Horheim

Auch der Inhalt der Lyrik des Heinrich vonRugge 3 (aus oberschwäbi-schem Geschlechte, das zu den Pfalzgrafen von Tübingen im Ministerialen-verhältnis stand, urkundlich 1175-91) ist geteilt in die zwei idealen Werte, dieJenseitsstimmung des Gottesstreiters und den diesseitigen Frauenkultus desMinnesängers, aber Gottesdienst und Frauenminne greifen nicht ineinanderein wie bei Johannsdorf, auch stehen sie nicht in einem Gegensatz wie Leibund Herz bei Hausen, sondern sie werden gar nicht miteinander in Verbindunggebracht. Er ist ein klarer Kopf, zum Dichter fehlt ihm die Phantasie. Erbeurteilt die Menschen und sich selbst unter intellektuellem Gesichtspunkt,

1 Vogt 3 S.369f.; Wilmanns-Michels, Leben Reimar", ZfdA. 65, 145-76. Ehrismann,W.s S. 403. ZfdPh. 33, 405; Singer, Beitr. 44, 436; Stel-

2 Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 232; Hör- ler, ebda 45, 357 ff.; Schneider, ebda 47,noff, Germ.33,421 ff.; Schissel v. Fleschen- 242 f. u. Reallex. 2, 138; Brinkmann, Dt.berg S. 108 ff. Metrik: Hornoff S. 398ff. Viertel]'. 3, 629 f. Petzet u. Glauning,

3 Vogt 3 S.370-75; Bartsch, Liederd. Nr.X. Schrifttafeln 2, XXIV. Stil: Erich Schmidt

Erich Schmidt, Reinmar v. Hagenau u. S. 6 ff.; Burdach, Reinm. Reg. S. 233; Schis-

Heinr. v. Rugge, QF. 4, 1874; Halbach, Wal- sel v. Fleschenberg S. 110-12. Metrik,

ther v. d. V., Heinr. v. Rugge u.Pseudo- Daktylen: Heusler 2, 220.