Rudolf von Fenis. Albrecht von Johannsdorf 233
simuliert über die Minne, statt daß er sie empfindet. 1 So ist sein Gedanken-kreis beschränkt, doch gewinnt seine Sprache Lebendigkeit durch Bilder undVergleiche, die er freilich meist den Trubadur entlehnt. Die Natureingänge82, 26. 83, 25. 83, 36 leiten die betreffenden Lieder stimmungsvoll ein. — DieAbhängigkeit von daktylischen bzw. „gemischt daktylischen" Vierhebern vondem provenzalischen Zehnsilbler liegt bei ihm unmittelbar vor (Heusler 2,218 f.; Schwietering, Anz. aaO. S.30L).
Über den allgemeinen Typus des Minnesängers erhebt sich Albrecht vonJohannsdorf 2 (Ministeriale, ritterlicher Dienstmann, des Bischofs vonPassau, urkundlich 1185-1209), der erste Sänger der vollhöfischen Richtungim östlichen Oberdeutschland. In ihm tritt uns eine in sich geschlossene Per-sönlichkeit entgegen, ein Charakter, der durchdrungen ist von der sittlichenLebensaufgabe des Ritters, auch in Erfüllung weltlicher Anforderungen amGöttlichen zu haften; ein Dichter, dessen Lieder Abglanz seiner Seele sind,nicht bloß Verschönerung des gesellschaftlichen Umgangs. Eine wohltuendeWärme geht von ihnen aus; denn ihm war eine wahre Frömmigkeit beschie-den. Sie kommt zum Ausdruck in den Liedern, die er im Hinblick auf seineKreuzfahrt (1190) verfaßt hat. Hier gibt das Durcheinanderschwingen vondiesseitiger und jenseitiger Minne die bewegende Stimmung: 86, 1. 87, 5. 87,29. 89, 21. 90, 32. 92, 7 [Zusatzstrophe]. 94, 15; aber nur 89, 21 ist ein eigent-liches Kreuzzugslied mit den Grundsätzen, die die Fahrt bedingen. Er emp-findet wohl die Spannung zwischen der Frauenminne und der völligen Hin-gabe an Gott, aber er stellt die Lösung Gott anheim 90, 11; ja die Minne ohneFalsch ist sogar ein Mittel zur Sündentilgung 88, 32, und auch die Geliebtehat Teil an der Fahrt, sie soll die Hälfte des Gotteslohns erhalten 94,34.Amor ist zur Caritas geworden, die Minne zur Geliebten zum religiösen Er-lebnis. So ist die Antithese Gottesminne und Frauenminne zur Synthese ver-eint in der Gnade Gottes. Eine solch hohe Weihe hat Hausen, sein Vorgängerin der Kreuzzugslyrik, nicht empfunden. Und diese Einheit von weltlichemBegehren und Sorgen um das Seelenheil ist so menschlich natürlich aufgefaßt,lebenswahr und lebensnah: Swie gerne ich vor, so jämert mich wie e^ noch hiegestS 88, 19. Diese Weltanschauung, die die transzendenten Gedanken an dasimmanente Blickfeld bindet, ist besonders im dritten Liede, 87, 29, aus-gesprochen. — Auch in seinen Liebesliedern folgt Johannesdorf nicht ledig-lich der höfischen Manier. Zwar stellt auch er sich das Verhältnis von Ritterund Dame als einen Dienst vor, der auf Lohn und Gnade berechnet ist, jasogar ein umbevähen als höchsten Wunsch wagt (92, 29), aber dieses Dienenist kein Schmachten, und der Dichter schwelgt nicht in Zerfaserung seiner
1 Stil: Burdach, Reinm. Reg. S. 232; Schis- des Minnesangs Frühl., 1927, 28 ff. (will Jo-sel v. Fleschenberg S. 107 f.; Schwiete- hannsd. aus MF. als späteren Dichter ent-ring aaO. fernen); Schneider, Reallex. 2, 139; Gün-
2 Vogt 3 S. 363-70; Bartsch, Liederd. ther Müller, ebda S. 213; Schröder, ZfdA.Nr. XI. — Brinkmann, Dt. Viertel). 3, 630- 67, 272 (urkundl., Heimat Niederbayern);32; Schneider, Beitr. 47, 231; Kurt Hal- Wallner, Stammlers Verfasserlex. 1, 1931,bach, Walther v. d. Vogelw. und die Dichter 49-51.