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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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232 Die lyrische Dichtung

werden (s. oben). Es liegt in der Form, die Form ist alles, Metrik undMelodie, Stil und Sprache beherrschen die Absicht des Dichters. Daher derkunstvolle Strophenbau (Daktylen s. Heusler S. 219 f.), der erhabene, ge-schmückte, wortreiche, schwülstige Stil. Der Inhalt ist demgegenüber ein-förmig, es ist eine stete Wiederholung von Minnefloskeln und Gemeinplätzendes Minnewesens. Man kann ihn durch einige immer wiederkehrende Schlag-wörter zeichnen: der Dichter ist durch die Minne betwungen, er ist in dergewalt der Dame, er ist ihr undertdn, swie minfrowe wil, so solz mir ergän, usw.,er beginnt mit dienest und schließt mit gendde. Er ziert den Inhalt durch Bei-spiele von Liebesgeschichten: Alexander und Candace, Flore und Blancheflur,Turnus und Lavinia, die Frau de la Roschi bise, zeigt überhaupt mancherleiKenntnisse. Das Gedicht beginnt mit dem formelhaften Eingang eines Liebes-briefes und enthält auch in 74, 14 ff. wörtlich den in Liebesbriefen begegnen-den Reim tröst in minem leide, des Wunsches ougenweide (Ernst Meyer, Diegereimten Liebesbriefe S. 11.52), wie denn der ganze Inhalt sich mit den Liebes-briefen nahe berührt. Der Dichter hat sein Ziel erreicht, eine überaus kunst-volle Form, hat wirklich in einem wj erkornen dön gesungen 77, 27, aber esist nur ein Spiel mit Worten und Klängen ohne innere Wahrheit und Wärme,der prunkhafte Mantel der Rhetorik schlottert um einen mageren Inhalt.

Von Gutenburg ist außer dem Leich nur noch eine Liedgruppe in sechsStrophen erhalten, die nicht durch fortlaufende Gedanken, sondern nur durchden gleichen metrischen Bau zusammengehalten werden. 1 Der Inhalt geht ausdem gleichen Minneverhältnis hervor wie der Leich. Das den Sommer ver-kündende merlikin 77, 36 ist aus Veldeke 59, 27 zugeflogen.

Als Grenzlanddeutscher stand Rudolf von Fenis, 2 Graf von Neuenburg(in der Schweiz, urkundlich 1158-92), wie Heinrich von Veldeke, in unmittel-barer Verbindung mit der westlichen, romanischen Kultur, und kein mittel-hochdeutscher Liederdichter hat so direkt provenzalisches Gut übernommenwie er, der erste Schweizer Minnesänger. In dreien seiner Lieder, 80, 1. 80, 25.81,30, hat er Form und Inhalt von Strophen Folquets von Marseille, in einemvierten, 84, 10, desgleichen von Peire Vidal sich zu eigen gemacht bzw. freiübertragen. So ist sein Dichten ein typisches Minnesingen auf Grund desMinnesystems und seiner Terminologie in den Gegensätzen von stätemDienst und Versagen des Lohns, von gewalt und gendde, von not sorge kumberund tröst, gedinge (Hoffnung). Tief ist ihm sein Liebesschmerz nicht gegangen :er würde seinen nutzlosen Dienst gerne lassen, wenn er es vermöchte 81, 26,er kokettiert mit seiner Minnenot: diu not ist diu meiste wunne min 81, 27. Er

1 Burdach, Reinm. S. 89; Schönbach, NF. 1, 1923, dazu Schwietering, Anz. 44,Wien. SB. 141, 1899, 80; Schneider, Beitr. 25-31, Günther Müller, Dt. Viertelj. 5, 122;47, 229. Singer, Beitr. 44,436, Schweizerdeutsch 1928,

2 Vogt 3 S. 352-63; Bartsch, Liederd. 95 ff.; Gennrich S. 7 ff.; Schneider, Beitr.Nr. IX; Ders., Schweizer Minnesänger S.Xff.; 47, 230 f. 258; Langenbucher, Gesicht desv. Kraus, Übungsb. 2 S. 292. Ernst Bal- Minnes. 1930 S. 31 f.; Korn, Freude u. Trürendinger, Der Minnesänger Graf Rud. v. Fenis- 46 ff.

Neuenburg, Neujahrsbl. d. Literar. Ges. Bern,