Heinrich von Veldeke. Ulrich von Gutenburg 231
der Dichter in der Wirklichkeit des Lebens, hier in einer gesellschaftlichenKonvenienz. Die höfische Kultursphäre ist durchzogen von einer naturalisti-schen Unterströmung. Er sieht das Leben mit offenen Augen, seine Liederhaben oft realistische Züge, er liebt sinnfälligen, bildlichen Ausdruck, kannkeck, ja derb sein; unter Umständen behandelt er die Minne humoristisch64, 10 und schließt Liebesstrophen mit romantischer Ironie 63, 36. 64, 9. Aberdas Minnephänomen ist höfisch erfaßt, und viele einzelne Motive hat er mitdenTrubadur gemein ; x so wird auch bei ihm die Minne, die ethische Triebkraftfür den höfischen Minnesinger, als Quelle alles Guten gepriesen 62, 1, und dielebensfreudige Stimmung, die blitscap, ist nicht nur persönliches Wohl-befinden, sondern auch die Forderung der höfischen Etikette (vröude).
Minne und Natur sind die beiden Lebenskreise in Veldekes Lyrik. In seinenFrühlingsbildern liegt große Anmut, sie übertreffen das, was er über dieMinne zu sagen weiß, an Empfindungsgehalt und poetischem Reiz und wirkenmanchmal für sich allein, die Minne ist dann fast nur ein Anhängsel. DieNatur dient nicht nur als stilistisches Schmuckmittel, sondern ist Ausdruckseines Lebensgefühls.
Da er dem Dasein eine heitere Seite abgewinnen will, so sind ihm dieStörer einer solchen Lebensführung zuwider, und in einer Reihe von einstrophi-gen Sprüchen wendet er sich gegen die Schädiger der Minne, die freudelosenNörgler, die Neidigen, die Frauenscheiter (Scherer, Dt. Stud. I, 46 [53]), jaim Gegensatz zu seiner wirklichkeitsfrohen Weltbejahung verfällt er in einigenSittensprüchen in einen ethischen Pessimismus und wird zum Lobredner derguten alten Zeit.
Ulrich von Gutenburg. Rudolf von Fenis. Albrecht von Johannsdorf
Von Hausen scheint Ulrich von Gutenburg 2 beeinflußt zu sein. Er hateine Reihe sprachlicher Wendungen mit ihm gemein, deren einige wohl nichtbloß auf zufälliger Übereinstimmung beruhen. Er gehörte einem freiherrlichenGeschlechte im Oberelsaß an, ist urkundlich bezeugt von 1172 bis etwa 1200und stand wie Friedrich v. Hausen bei Friedrich I. und König Heinrich inhohen Ämtern (der 1170 erscheinende Rheinpfälzer Ulrich von Gutenburgkommt wegen seines in den Handschriften B C abweichenden Wappens we-niger in Betracht). Das Merkmal seiner literaturgeschichtlichen Stellung istsein Leich, er ist der Verfasser des ersten uns überlieferten Minneleichs. 3 Beider Beurteilung desselben muß von dem Wesen des Leichs ausgegangen
1 Die Stellen bei Wechssler, Kulturprobl. S. 49; Korn, Freude u.Trüren48 ff.; Steller,
Reg. S.479. Die Tristrantstrophe 58, 35 ist Beitr. 45, 320; Schwietering, ZfdA. 61, 78.
einem Gedicht Chrestiens v. Troyes nachge- 3 Der von Gliers rühmt ihn unter den Mei-
bildet. — Einfluß der franz. Lyrik: Biel- stern des Leichs, unter diesen aber auch Hau-
schowsky, Dorfpoesie S. 38 (110) f. sen (Pfaffs Abdr. von C. S. 196). Demnach
2 Vogt 3 S. 347-52; Burdach, Reinm. Reg. wäre Friedr. v. Hausen eigentlich der erste
S. 232; Wechssler, Kulturprobl. Reg. S.483; Dichter eines Minneleichs gewesen. Andere
Ehrismann, ZfdPh. 36, 395 ff.; Plenio, Beitr. Nachrufe: Heinr. v. d. Türlin Krone (s. oben),
42, 422 Anm. 1; Singer, ebda 44, 435 f.; Reinmar v. Brennenberg, MSH. 3, 334.Ders., Aufsätze S. 158 f.; Ders., Wolframs Stil