230 Die lyrische Dichtung
Aus der rein persönlichen Sphäre heraus tritt der Dichter in die herrschendeIdee der Zeit mit seinen drei Kreuzliedern. Sie sind die Krönung seines dichte-rischen Lebenswerkes, sie gewinnen eine tragische Höhe durch seinen Helden-tod für die darin ausgesprochene Idee. In dem in der Form prunkvollen Ent-schlußmonolog 47, 9 hat seine Kunst das ihm höchstmögliche Ziel erreicht.Freilich die darin ausgedrückte Gesinnung, die dem Frauenkultus eine sowichtige Stelle einräumt und in den erhabenen Gedanken, für Gott zu kämp-fen, die weltliche Minnesorge einflicht, nimmt dem hohen Ziel die erhabeneWeihe. Dieser verstandesmäßig ausgeklügelte, einem französischen Kreuz-lied entnommene Gegensatz zwischen Herz und Leib, in dem das Herz einevon dem Dichter getrennte Existenz führt, ist Poetenwerk und nicht reinmenschliche Frömmigkeit. Einfacher und wahrer klingt das Lied des Scheidensvon den lieben Freunden am Rhein in der ersten Strophe des dritten Kreuz-liedes 48,3, männlich die zweite Strophe 48,13, und das „Epigramm" 53,31.
Heinrich von Veldeke
Heinrich von Veldeke, 1 der den höfischen Roman nach französischemMuster begründete, war auch der erste, der wenig früher als Hausen und außerallem Zusammenhang mit diesem, Minnelieder in der neuen kunstvollen Form,mit reinen Reimen, doch meist nur geringem Umfang (Einzelstrophen), ver-faßte. Aber in der Lyrik war er nicht der bahnbrechende Meister wie im Epos,seine Lieder hatten keinen weitergehenden Einfluß, wenn auch Gotfridv. Straßburg von ihm rühmte: wie wol sanc er von minnen Trist. 4726, und erauch noch von Späteren als Sanges Meister genannt wurde (BartschS. XXXVIII). Sie trugen seinen heimischen Dialekt, und ihre Sprache wardeshalb einer Verbreitung hinderlich. Friedrich v. Hausen ist der Urheberder hochhöfischen Lyrik. Zwei verschiedene, fast gegensätzliche Charakteretreten uns in den Liedern der beiden Dichter entgegen: Hausens Gedankenschwingen sich auf zu hohen Idealen, diesseitigen und jenseitigen, die Minneist ihm eine ernste Herzensangelegenheit, Veldeke haftet an der persönlichenGlückseligkeit, er macht sich keine belangreichen Liebessorgen. Dort Tiefe,hier heiteres Lebensbehagen. Sein Wahlspruch ist: Wer Frohsinn ohne Sorgehat in Ehren, der ist reich 60, 13, blitscap, Fröhlichkeit, ist sein Element.
Veldekes Kunst hat doppelten Ursprung, sie wurzelt in einer gesunden Na-türlichkeit und ist andererseits in romanische Hofkultur gekleidet; dort steht
1 Vogt 3 S. 335-47; Bartsch, Liederd. Liebesproblem bei Gotfr. v. Str. S.4; C. v.
Nr. VII; Kalff, Geschiedenis I, 41 ff. 59 f.; Kraus, Unsere älteste Lyrik S. 14 f. —
Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 45 f.; Scherer, Dt. Stud. II, 121-24 (Chronol. Ord-
Erik Rooth, Ein neuentdeckter niederl. nung der Lieder, ein Liebesroman), dagegen
Minnesänger aus dem 13. Jh., Lund 1928, Paul, Beitr. 2, 471-75; Schneider, Beitr. 47,
S. 1 ff. — Frantzen, Neophil. 5, 1920, 368; 236 f. (Ordnung des Sammlers); Korn, Freude
Bouman, ebda 8, 270-79; Kroes, ebda 11, u. Trüren 20 ff. — Stellen: Schröder, ZfdA.
284 f.; Singer, Beitr. 44, 434 f.; Ehrismann, 67, 127 f. — Stil: Burdach, Reinm. Reg.
ZfdPh. 33, 404; Vossler, Ventadorn S. 134f.; S. 233; Gottschau, Beitr. 7, 379 ff.; Schissel
Schwietering, ZfdA. 61, 78; Gennrich v. Fleschenberg S. 103-06; Langenbucher,
S. 31; Brinkmann, Entstehungsgesch. S.140ff. Gesicht des Minnes. 1930, 32 f. — Dactylen:
u. Dt. Viertel)'. 3, 626 f.; Nickel, Stud. zum Heusler, Versgesch. 2, 220.