226 Die lyrische Dichtung
Meinloh von Sevelingen
Mit Meinloh von Sevelingen 1 begegnen wir dem ersten schwäbischenMinnesinger. Die von Sevelingen, heute Söflingen bei Ulm, waren Dienst-mannen der Herren von Dillingen. Der Bau seiner zwölf Strophen ist alter-tümlich; er umfaßt drei Töne, die in ziemlich gleichen Abwandlungen derLangzeilenstrophe bestehen, in meist reinen Reimpaaren mit stumpfem Aus-gang; darunter drei Frauenstrophen (13, 14. 13, 27. 14, 26), ein Botenlied(11, 14). Dagegen ist seine Anschauung von der Minne, also der Inhalt seinesSanges, schon ganz romanisierend-höfisch. Für ihn besteht die Minne ineinem Dienstverhältnis; vom Gesichtspunkt des Frauendienstes aus gehtsein Dichten. In sechs Strophen (Männerstrophen) spricht er sein persön-liches Empfinden aus: 11,1. 11, 14. 11, 27. 13, 1. 14, 1. 15, 1. Das Ziel istein sehr reales: froh wird er nimmer, ehe er so recht gäetliche in ihremArme liegt 14, 11. Die beiden ersten Strophen leiten das Verhältnis als Wer-bung ein. 2
Der Ruhm ihrer Tugenden reizt ihn, die Ferne, nie Gesehene, zu schauen. 3Die Tugenden rühmt er als das Liebenswerte an der gefeierten Frau undsteigert sie in der letzten Strophe zu einem idealen Bilde. 4 Trüren, Schmach-ten, ist die herrschende Stimmung der Liebenden 11, 26, 12. 29. 14, 7. DieFrau ist der aktivere Teil, sie hat den Geliebten auserwählt 13, 27, sie äußertunverhohlen ihre Wünsche 14, 34, wenn sie auch ein andermal diesen letztenSchritt in Abrede stellt 13, 22, sie verwünscht die verleumderischen Geschich-tenträger und wehrt sich gegen den Neid von Nebenbuhlerinnen 13, 29. —Drei Strophen haben unmittelbar lehrhaften Zweck: 12, 1. 12, 14. 14, 1. SeineMinnelehren, seneliche swcere tragen (also trüren), und zwar verholne, einkiuschej (reines, sittsames) herze haben, tagende sind die im früheren Minne-sang öfter begegnenden Grundsätze, die auch im „Heimlichen Boten" und indem Minnebuch des Kaplan Andreas eingeschärft werden. Die belehrendeStrophe 12, 14, statt lange zu werben dreist auf das Ziel loszugehen, fällt ausder sonst höfischen Minneauffassung Meinlohs heraus. 5
*Vogt, MF. 3 S. 276-81; Bartsch, Liederd. Diss. 1919 S. 33.
Nr. IV; Burdach, ADB. 34, 72 f. u. Reinm. 2 4 Zul4, 14 Dri tagendes. Vogt S.279ff., auch
S. 364 f.; Gerh. Kahlo, Münch. Mus. 4, 1924, kiusche 12,11: Kapl. Andreas, ed. Trojel
96-99. — Wechsel bei Meinl.: Wilmanns- S. 14 ff. (Ehrismann, ZfdPh. 33, 400 f.;
Michels, Leben W.s S. 265 f.; Joseph, Wechssler S. 118. 350).
ZfdPh. 32,133; Angermann S. 11 f.; Langen- 6 Nach Wilmanns-Michels Leben W.s S.265
bucher, Gesicht des Minnes. 1930 S. 31; (s. auch S. 403) u. Lüderitz, Liebestheorie
Korn, Freude u. Trüren 31 ff. S. 47 stehen 12,1 u. 12, 14 im Wechsel (die
2 Scherer, Chronologisch geordnetes Lieder- höfische und die sinnliche Minne, Wilmanns,buch, Dt. Stud. 79 [16] ff., s. auch Joseph, Die höfische und die volkstümliche [vaganten-Verhandl. d. Bremer Phil.-Vers. 1900 S. 115ff. hafte], Lüderitz). — Vielleicht ist die Lehreu. ZfdPh. 32, 133 f., dagegen Paul, Beitr. 2, 12, 14 von der Frau oder im Sinne der Frau452 ff.; Rosenhagen, GRM. 4, 383. — gegeben, sie wäre dann gleichsam eine Auf-Schneider, Beitr. 47, 235 f. forderung an den Ritter, was zu ihrem aktiven
3 Fernliebe: beim Kaplan Andreas (Vogt und begehrlichen Charakterwohl passenwürde,S. 278); Wechssler, Kulturprobl. S. 226; zugleich auch zu ihrem Ausfall gegen die Mer-Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 487; Lotte ker in 13, 14 und gegen die neidischen FrauenZade, D. Troubadour Jaufre Rudel, Greifsw. 13, 27.