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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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224 Die lyrische Dichtung

Zeitlang nebeneinander gehen. 1 Heinrich von dem Türlin schließt in die Klageum verstorbene Minnesinger auch den von Eist den guoten Dietmaren ein.

Dietmar ist unter den fünf Sängern der frühromanischen Gruppe der viel-seitigste und die ausgeprägteste Persönlichkeit. Er besitzt eine anschauendeVorstellungskraft, die an den Kürenberger erinnert, viele seiner Lieder sindepisch erfaßt und treten aus einer bestimmten Situation heraus oder sind ineinen erzählenden Rahmen eingekleidet. Gerne stellt er die Empfindungender Liebenden in der Form des Wechsels einander gegenüber. Bei Dietmarkann man auch, eher als beim Kürenberger, den Grund für den häufigen Ge-brauchidesdoppelseitigen Minneliedes" erkennen: es ist der Vortrag, die ge-sellschaftliche Unterhaltung, Herr und Dame tragen wechselseitig eine Strophevor. Für unmittelbare Mitwirkung des Publikums spricht der Kehrreim indem Wechsel 38,32. 2 In Wechselstrophen 3 zusammengefaßt sind die Stücke 32,1-12 (in 32, 5-8 Tageliedsituation, eine Streitfrage,geteiltes Spiel", überdas Verhalten gegen die Minne); 32, 14-33,6 (Botenlied); 34, 3-18 (Erinne-rung an eine Morgenszene, sog.Tagelied-Erinnerung"); 4 35, 16-31. 40,3-18(Winterfreuden); 36, 5-21 (Welt und Minne); 37, 30-38, 13 (Herbst- undSommerbuhlschaft); 38, 32-39, 17 (Dienst); 39, 18-29 (Tagelied); 40, 19-41, 6(Zwist). Dietmar hat zum erstenmal ein wirkliches Zwiegespräch 32,5; dieGattung des Botenliedes vertreten durch 32, 14. 38, 14, die des Tageliedesdurch 39, 18.

Die Minne, der gegebene Inhalt, ist empfunden als Erlebnis, das ist dierehte liebe, herzeliebe, die das Herz der Geliebten hingibt, 34,19; oder begriffenin Reflexion. In letzterem Falle wird ein Minnethema zuweilen unmittelbarals Lehre ausgesprochen, 5 32, 5-8. 33,7. 33, 31 (Ethik der Minne: stcete alsGrundbedingung36,15.36,37.38,11.39,5; mdje 33,31.36,2 ;Minne als sittlicheKräftigung des Mannes 33, 22. 36, 24). Tritt die Minne als seelischer Zustandauf, dann kann sie sich äußern als Frauenpreis, Dienst und Werbung, Klageüber Nichterhörung, über die Trennung und Unmöglichkeit, sich anzugehören,als einsames Sehnen oder als versöhnungsvoller Trostgedanke und als Glück,sich zu besitzen. Dabei ist oft die Frau die sehnsuchtsvoll Liebende, der Mannspricht von mehreren leichten Verhältnissen (35, 5), ihm ist die Minne sinn-liches Begehren (35, 21. 36, 23. 38, 25. 40, 30), doch auch für beide Liebende(34, 11. 39, 18. 39, 30); er gerät in unhöfischen Zank mit der Dame, indem ersie an eine intime Stunde erinnert (40,19). 6 (Vorwürfe der Frau 35, 24.40,11.)

1 Doch werden die oben mit Dietmar I be- 2 Schönbach, Wiener SB. 141, 1899, 38 f.;

zeichneten altertümlichen Strophen ihm ab- Ehrismann, GRM. 15, 1927, 349.

zusprechen sein, zumal hier die handschriftl. 3 Angermann, Wechsel S. 13-15.

Überlieferung zweifelhaft ist. Scherer, Dt. 4 Schönbach S. 33 ff.

Stud. 2, 95-104 nimmt zwei Liederbücher an, 5 C. v. Kraus, Unsere älteste Lyrik, Bayer,

zurückgewiesen durch Paul, Beitr. 2, 457-71; Ak. 1930 S. 5 ff.

Reinhold Becker, Der altheim. Minnesang "Vogt, MF. 3 S. 316 f.; Schönbach, WienerS. 77-104: zwei Strophengruppen, zurückge- SB. 141, 40 f.; Jeanroy, Les Origines S.463f.wiesen durch Burdach, Anz. 10, 24 ff. (Debat-Motiv); Angermann, Wechsel S.63f.;Warncke, Das sog.erste Liederbuch" Diet- Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 127, Geistes-mars, Progr. Myslowitz 1905. geschichtl. Stellung, Dt.Vierteljahrsschr. 3,624.