Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
Entstehung
Seite
223
Einzelbild herunterladen
 

Namenlose Lieder. Dietmar von Eist 223

eifersüchtigen Empfinden der Frau der namenlosen Str. 4, 1; DietmarsFalkenlied 37,4 hat denselben Stoff wie das des Kürenbergers 8, 33, dochunterscheiden sich beide wesentlich in der Stimmung und in der Formulie-rung: beim Kürenberger ein unmittelbares Erlebnis (Ich zoch mir), eine ge-mütvolle Schlußwendung, das ganze ein Symbol (der Falke der entfloheneGeliebte), unter dessen Verhüllung doch der Gedanke klar durchscheint;hier ein sprachlich konstruierter Vergleich (also V. 12, der Falke ein Beispielder Freiheit), ein Gedanke (Eifersucht, wie 37, 18) unmittelbar in Wortenausgesprochen, der Eingang unpersönlich, epische Formel wie im späterenVolksliedes war einmal", aber ein sehr stimmungsvoller Einleitungsakkord.

DIE ZWEITE STUFE

Die zweite Stufe, die frühromanisierende oder die vorwelscheRichtung, vertreten durch Dietmar, Meinloh, Regensburg, Rieten-burg, Kaiser Heinrich, bekundet Einflüsse der romanischen Kultur undKunst. 1 Im Gegensatz zum heimischen Minnesang ist das Verhältnis derLiebenden umgekehrt und der romanische Minnedienst ist ethisches Erlebnisgeworden. Die Darstellung ist losgelöst von der sinnlichen Umwelt und ver-flüchtigt in Reflexion und Minneergüsse. Es herrscht das Minnesystem, dieMinnetheorie. Die Kunstform ist reicher ausgebildet in verschiedenen Strophen-systemen, die aber immer noch auf einfachen Grundformen beruhen. DasLied ist meist noch einstrophig (da.3 liet), im Wechsel zwei- oder (selten) drei-strophig. Der Umfang der Strophe ist im Verhältnis zum Inhalt weiter ge-dehnt als in der ersten Stufe; die Reime sind noch nicht unbedingt rein. In derStrophenbildung läßt sich eine von einfacherer zu kunstvollerer Behandlungaufsteigende Reihe bei den fünf Lyrikern dieser frühromanischen Richtungbeobachten, und es besteht schon ein großer Reichtum an Tönen.

Dietmar von Eist

Dietmar von Eist 2 gehörte einem freiherrlichen Geschlechte an, dessenStammburg an der Aist lag, einem kleinen Nebenflusse der Donau, nahegegenüber der Ennsmündung. Er ist in Urkunden von 1139-71 bezeugt. Sowäre er ein Landsmann und Zeitgenosse des Kürenbergers, die Verschieden-heit des Gehalts und des Stils spricht nicht ohne weiteres gegen Gleichzeitig-keit, alte und neue Formen können in Abschnitten eines neuen Werdens eine

ZfdA. 55, 344; Plenio, Beitr. 42, 447 f.; schenberg, Das Adjektiv als Epitheton im

Schwietering, ZfdA. 61, 77; C. v. Kraus, Liebesliede des 12. Jh.s, 1908, 98 ff.; Singer,

Unsere älteste Lyrik, Festrede, Bayer. Ak. Beitr. 44, 431 f.; Schneider, ebda 47, 237 ff.;

1930, 12 f.; Schröder, ZfdA. 63, 2; Langen- Brinkmann, Entstehungsgeschichte des

bucher S. 21-24. Minnesangs, 1926, Reg. S. 165, bes. S. 121-29;

1 Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 123 ff. Langenbucher, Das Gesicht des Minnesangsnimmt starken Einfluß der Vagantendichtung aaO. S. 21-24; Kurt Rathke, Dietm. v. Aist,auf die Bereicherung der Kunstformen an. 1932, dazu Kaiser, ZfdPh. 58 H. 2, Piquet,

2 Vogt 3 S. 305 ff.; nach Vogt: Bartsch, Revue germ. 24, 1933, 53 f.; Wallner,Liederd. 4 S. XXXIVf.; Romain, Beitr. 37, Stammlers Verfasserlex. 1,415-17; Korn,349431; Ganzenmüller, Das Naturgefühl Freude u. Trüren S. 38 ff.

im MA., 1914, 265 ff.; Schiszel von Fle-