222 Die lyrische Dichtung
Gesellschaftsdichtung, zum Vortrag bestimmt, sind die Kürenberg-Stro-phen. Soziologisch zu verstehen ist ihre Haltung aus der Kultur der Zeit, ausLebensformen, wie sie die Kaiserchronik darstellt.
Namenlose Lieder
Unter dieser Bezeichnung sind in Minnesangs Frühling Strophen gesammelt,die in den Hs. ohne Verfasser stehen oder unter verdächtigen Namen. Sie ge-hören der Frühzeit an, außer Str. 6,5, die schon den Minnedienst voraussetzt,und dem dreistrophigen Lied 6,14. In Strophe 3,1 versichert die Schreiberinim Tegernseer Briefwechsel (s. oben „Liebesbriefe") den Empfänger ihrerTreue in bekannten Formeln: V. 1 ist ein weitverbreiteter Verlobungsspruch(noch heute), auch das Bild vom Herzensschlüsselein ist ein Gemeinplatz. 1
Aus der „Kleinlyrik der Fahrenden" stammt Str. 3, 7 Wcere diu werlt alliumin 2 (Carm. Bur. Nr. 108a S. 185). Der Sinn der Strophe ist umstritten, erhängt ab von der Überlieferung: ursprünglich stand im Text chunich, diesesWort wurde von späterer Hand durchstrichen und darüber diu chünegin ge-schrieben. Das ursprüngliche „künic von Engellant" bedeutet Christus, 3 es istdas mystische Motiv von dem Seelenbräutigam (s. unter Geistl. Lit.). Lach-mann und Haupt, Minnes. Frühl., stützen sich auf chünegin und erklärendie Strophe als einen verwegenen Wunsch des Vaganten; die Königin vonEngland sei die Königin von England Eleonore von Poitou, berühmt durchihren Reichtum und ihre Schönheit (vgl. Carm. Bur. Nr. 51 Str. 2 S. 145).
Eine Minnelehre (tougen minne) enthält Str. 3, 12 in trocken lehrhaftemTone, ebenfalls in der Benediktbeurer Handschrift (Nr. 137a S. 209). Zartnaturverbundene Weise durchzieht das Sehnsuchtsliedchen 3, 17; geringer anStimmung drückt die in 4, 1 redende Frau ihre auf praktische Lebenskenntnissich gründende Besorgnis um den abwesenden Geliebten aus.
Altertümlich sind zwei unter Dietmar überlieferte Lieder in einfachenReimpaaren mit starken Assonanzen (man könnte sie mit Dietmar I bezeich-nen), die noch gar nicht den schon höfisch gewendeten Stil der andern LiederDietmars tragen. 4 Str. 37, 18 gleicht durch den Natureingang und in dem
zeit, stellen den Charakter des Mannes ein- dein ...", Forschungen u. Fortschritte Jahrg.
seitig ungünstig dar, jener als „stolz und hart, 8, 1932, Nr. 23/24.
roh, begehrlich", dieser als blasiert, raffiniert, 2 Nachtrag zu Vogt: Heusler, Versgesch. 2,
frivol, und Joseph findet in dem Liederbuch 276. — Singer, Beitr. 44, 426 f.; Ders., Die
eine satirisch-parodistische Tendenz zur Be- Grundlagen der Pastourelle, A Miscellany of
lustigung. Studies in Romance Languages and Litera-
1 Nachtrag zu Vogt 3 S. 259 ff.; Burdach, tures, Cambridge 1932 S. 474-80; Palgen,
Reinm. S. 33, dazu Wilmanns, Anz. 7, 268; Beitr. 46, 301 ff.; Strauch, ebda 47, 171;
Bolte, ZfdA. 34, 161-67 u. Anz. 17, 343; Günth. Müller, Dt. Vierteljahrsschr. 2,706;
Strauch, ebda 19, 95; Bolte-PolIvka 2, 58; Brinkmann, Entstehungsgesch.S. 106f.; Schu-
Bächtold, Schweiz. Arch. f. Volksk. 15, 1911, mann,GRM. 14,424;VossLER,VentadornS.126.
185 f.; Singer, Beitr. 44,426 u. GRM. 13,193; »Singer aaO.; Brinkmann aaO.; Schu-
Brinkmann, Entstehungsgesch. S. 98 f.; Pet- mann aaO.
zet u. Glauning, Schrifttafeln 2XVI b ; 4 Vogt 3 S. 37, 4 u. 37, 18, auf S. 32 f. —
Ganszyniec, ZfdA. 63, 23 f.; Hadank, Über Wackernagel, Afrz. Lieder u. Leiche S.202;
die Verbreitung der Verlobungsformel „Ich bin Burdach, Reinmar S. 75; R. M. Meyer,