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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Der Kürenberger 221

Der Dichter wird in C in der Überschrift genannt Der von Kürenberg.Er gehörte wahrscheinlich dem ritterlichen Geschlecht dieses Namens an,dessen Burg eine Stunde westlich von Linz an der Donau stand und von demmehrere Mitglieder in Urkunden des 12. Jahrhunderts vorkommen. Die Lie-der fallen etwa in die Zeit von 1150-70. Sie sind abgefaßt in der Nibelungen-strophe (Str. 7, 1 u. 7, 10 in einer Erweiterung derselben). Wahrscheinlich istKürenberg selbst der Erfinder der Nibelungenstrophe (Kürenberg als Erfin-der des Nibelungenlieds, s. unten). Nach den redenden Personen zerfallen die15 Strophen zunächst in zwei Gruppen, Frauenstrophen und Männer-strophen, die in der Handschrift von Str. 3 (7,19) an getrennt sind: in 7,19-9, 20 spricht die Frau, in 9, 21-10, 17 der Ritter. Aber inhaltlich gehörenalsWechsel" 1 (oderdoppelseitigesMinnelied") folgende je zwei Strophenzusammen, indem die liebende Frau (wohl eine unverheiratete, ein Mädchen)und der Ritter abwechselnd in einem Strophenpaar ihre Gedanken ausspre-chen: 7, 1 die Frau, darauf unmittelbar antwortend der Ritter durch denBoten (Botenlied) 7, 10; in 8, 1 und 9,29 und vielleicht in 7, 19 und 9,21Frau und Ritter, jede Person für sich redend, in Str. 8, 9 ist ein unmittelbaresZwiegespräch in eine Strophe zusammengefaßt. 2

Sehnsuchtsvoll klagen die Frauenstrophen; ihr einziger und immer wiederanders abgetönter Sinn ist das Leid um die Liebe des geliebten Ritters. Denlyrischen Höhepunkt erreichen die zwei Strophen des Falkenliedes 8, 33. 9, 5,das in dem verbreiteten Bilde vom entflogenen Falken die Sehnsucht der Ver-lassenen nach dem fernen Geliebten birgt. In den Männerstrophen treten ver-schiedene Charaktertypen auf. Herzlich besorgt ist die Erwiderung des Rit-ters an die Dame im Botenlied 7, 1-19, kühn entschlossen fordert ein andererdie Geliebte zur Flucht auf 9,21 (vielleicht in Antwort, Wechsel, auf 7, 19);die höchste dramatische Spannung erreicht die Wechselrede in den monologi-schen Strophen 8, 1 und 9, 29: die auf der Zinne stehende Herrin wird von derwlse des im Hofe singenden Ritters berückt wie durch ein Zauberlied, er aberweist sie schroff ab, Freiheit und Ritterehre ist sein Wille. Die dialogischeStrophe 8, 9 ist ein Scherz. Die allein, nicht im Wechsel, stehenden drei Män-nerstrophen, die in den Handschriften den Schluß des Kürenberg-Lieder-buchs bilden, geben Beispiele für Verhalten des Mannes in Liebesangelegen-heiten : 10, 1 ist eine Mahnung zur Verheimlichung der Liebe, 10, 9 und 10, 17sind Werbestrophen, in denen zwei verschiedene Verfahren gezeichnet wer-den, entweder rücksichtsvoll, durch einen Boten, der Geliebten einen Antragzu stellen, oder höhnisch, sie zahm zu machen wie ein Federspiel. 3

1 Uhland 5, 147; Wilmanns-Michels, Le- 2 Die Frauenstrophen von Frauen verfaßt:ben W.s S. 29 f. 402-04; Fr. Brachmann, Scherer, ZfdA. 17, 573 ff. 18, 150-53; s.Germ. 31, 461-86; Angermann, Der Wechsel Bretschneider S. 23 f. 32 ff. Joseph, Früh-in der mhd. Lyrik, Marb. Diss. 1910 (mit Lit.). zeit, nimmt ein ursprüngliches Liederbuch an, Georg Pralle, Die Frauenstrophen im in dem die meisten Strophen, d. h. alle außerältesten deutschen Minnesang, Hall. Diss. der Dialogstrophe 8, 9 und dem Falkenlied,1892; C.v. Kraus, Akadem. Rede, München paarweise als Wechsel zusammenstanden.1930. 3 Scherer, ZfdA. 17, 576 f. u. Joseph, Früh-