218 Die lyrische Dichtung
Vorgeschichte des deutschen Minnesangs
Die Auffassung von der Liebe in der altdeutschen Literatur vordem Minnesang. Minne in dem ritterlich-höfischen Sinne und in der beson-deren Form des Minnedienstes 1 ist erst eine Erfindung des romanischenMinnesangs, vorher geht der natürliche Liebesbegriff in Wechselbeziehung zuEhe. Herzlich ist die gegenseitige Neigung der beiden Verlobten im Walthari-lied, doch in der Abstufung, daß das Mädchen den Helden als ihren Gebieterehrt. Tief greift die Frau ein in den im Ruodlieb erzählten Lebensschick-salen : in wechselnden Bildern stellt sich die Liebe dar, als Jugendleidenschaftund Gattentreue, als Buhlerei und Ehe, leidenschaftlich oder als nüchternesGeschäft. Einförmig ist in den Spielmannsdichtungen die Liebe in eine poli-tische Freiung gekleidet, bei der das persönliche Empfinden nicht mitspricht,und in der Ehe ist die Treue das feste Band. Das ist offizielle Sitte. Dochherrscht in den frühmhd. Dichtungen des 12. Jahrhunderts 2 im Verkehr derGatten oder der Verlobten ein warmer Ton. Noch sind, wie im Waltharius,Demut und Gehorsam die Zierden der Frau und in der Lucretiaepisode derKaiserchronik ist ein rührendes Bild hingebungsvoller ehelicher Treue ent-worfen; zugleich hier (4579-4618. 13109 ff., s. Schwietering, ZfdA. 61, 66)und im Straßburger Alexander (5384-86) ist die Minne zum Problem ge-worden. Das typische Motiv der Aufpasser (merkcere) und der huote begegnetschon vor dem Minnesang, und tougen minne war schon vorher ein geläufigerBegriff (schon im Lob Salomonis, MSD. XXXV Str. 17,3; Straßburger Ale-xander 2788, die stille Minne zum amis 3362-69; vgl. 6244).
Die dem deutschen Minnesang vorangehende Literatur zeigt, daß das Pro-blem der Frau und der Minne das ritterliche Laientum beschäftigte. Die Be-deutung der Frau für das soziale Leben wurde für die gebildete Oberschichtanerkannt. Aber das war doch nur die Empfindung feinerer Naturen, ab-stoßend ist daneben die Roheit des andern Teiles. In der Kaiserchronik 4431-40 bzw. 4446 sind die beiden Typen einander lebensvoll gegenübergestellt,und wüst ist der Ton, in dem sich die Ritter über die Frauen unterhalten inHeinrichs von Melk Erinnerung 354-61.
Älteste deutsche Liebeslyrik. 3 Eine Liebeslyrik vor dem Minnesangmit literarisch gepflegter Tradition, wo eine einzelne Persönlichkeit ihr Er-
1 Vor der höfischen Literatur des 12. Jh.s ist gesch. 11 aaO.).
„dienen" (Ruodlieb 15, 55, Sailer S. 290, 55); 2 Emil Henrici, Zur Gesch. d. mhd. Lyrik
Wernhers Marienleben s. Kluckhohn, ZfdA. 1876, dazu Steinmeyer, Anz. 2, 138-49, Kin-
52, 141) wirklich „Dienste des Untergebenen zel, ZfdPh. 7, 481-84; Kluckhohn, ZfdA. 52,
leisten" bzw. eine Höflichkeitsbezeugung wie 139^19; Paul Schultz, Die erotischen Motive
Rother 1955-57.2010 f. Der Dichter des Straß- aaO. — LG. II, 1, 252. II, 2, 20 u. Reg. S. 346.
burger Alexander, der auch den franz. amis 3 Burdach, D. volkstüml. dt. Liebeslied,
kennt, weiß aber wohl schon im westlichen ZfdA. 27, 343-67 u. Reinm. 2 S. 243-64; R. M.
Minnedienst Bescheid (vgl. V. 2917-19). In der Meyer, ZfdA. 29, 121-236; Ders., Volksgesang
Salutatio der Briefe ist das Dienstentbieten u. Ritterdichtung, ebda 34, 146-61; Arnold
eine im Briefstil vorgeschriebene Formel, die E. Berger, ZfdPh. 19, 440-86; E. Th. Wal-
keinen realen Inhalt hat, so auch Straßb. Alex, ter, Üb. d. Ursprung d. höf. Minnesangs u. s.
6525-30 (vgl. Kluckhohn, Arch. f. Kultur- Verhältn. zur Volksdichtung, Germ. 34, 1-74;