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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 2. Blütezeit Hälfte 2 (1935) Schlußband
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Vagantendichtung 217

sehen gefügt (von Dietmar, Morungen, Reinmar [?], Walther, Botenlauben,Neidhart, aus dem Eckenlied), möglicherweise stammt auch noch ein unddie andere Strophe von einem Minnesänger und ist uns nur zufällig nichtauch sonst überliefert. So gehen nebeneinander in den deutschen Strophenzwei Stilarten, eine vagantische und eine höfische Lebensauffassung. ZumBeispiel in Nr. 100a gehören die Aufforderungsworte springe wir den reigen,vröun uns gegen den meigen der volkstümlichen Schicht, der Sprache desVolkstanzliedes an, dagegen die zweite Strophe ist minnesingerisch; oder103a Str. 2: Tanzen, reien, springen wir gegen dem höfischen Min vrowe istganzer fügende vol; es sind volkstümliche Tanzliedchen mit höfischem Auf-putz, ins Volk gedrungene Herrenmode. Das Sommerliebchenlied 129a, einRingelreihenliedchen, ist einer der wenigen Reste alter, volksmäßiger Tanz-Kleinlyrik, ein Trutzliedchen der Mädchen, die für diesen Sommer keinenMaibuhlen haben. 1

Fast alle übrigen deutschen Strophen hat der Zusammensteller selbst ge-macht, wobei er in der Regel den Inhalt des lateinischen Gedichtes variierte.Diese Strophen kennzeichnen sich durch ihre ungewandte Sprache.

Sehr mannigfaltig sind die rhythmisch-metrischen Formen der Benedikt-beurer Sammlung, die beiden Gattungen, Sequenz und gleichstrophiges Lied,sind in vielen Abwandlungen vertreten. Die mittellateinische Taktierungs-weise ist entweder metrisch, d.h. quantitierend in antiker Art nach Längeund Kürze, oder rhythmisch, d. h. akzentuierend, nach der natürlichenSprechbetonung akzentuiert. Als besonders beliebte Versart ist die Vaganten-zeile (trochäischer 13-Silber = 7 Silben stumpf+6 Silben klingend; viergereimte Vagantenverse bilden die einfache Vagantenstrophe). 2

Das Klosteridiom der lateinisch-deutschen Mischsprache 3 paßt zu derMischung von studentischer Schulgelehrsamkeit und volkstümlicher Neigungder Vaganten und ist mehrfach in den Liebesliedern der Carmina Burana an-gewendet, so in den Pastourellen Nr. 145. 146, auch in dem aus einem Volks-rätsel umgedeuteten Liebesliedchen Nr. 138. 4

1 Wilmanns-Michels, Leben W.s S. 35. 57; hungsgesch. S. 17 f. 123; Lundius, ZfdPh. 39,Wilmanns, Anz. 7, 263; Hildebrand, Mate- 36CM82; Ehrismann, ebda 36, 403 ff.; Heus-rialien S. 4; Burdach, Reinm. S. 157 u. ZfdA. ler, Versgesch. 2, 245. 254 f. 268 f. 284 f. (mit27, 352; R. M. Meyer, ZfdA. 29, 124. 126. 55, Lit.).

343; Schönbach, Walther 1890 S. 19, 4. Aufl. 3 Mischsprache in Carm. Bur.: Hoffmann

von Schneider S. 3; Heusler, GRM. 10, v. Fallersleben, In dulei jubilo, 2. Ausg.

1922, 23. 29; Ders., Versgesch. 2, 252; Brink- 1861 S. 30 ff.; Schreiber, Vagantenstrophe

mann, Lat. Liederdichtung S. 67; Naumann, S. 164 f.; Emil Henrici, Sprachmischung in

Bayer. Heimatsschutz 33,1927, 136. Vogt, älterer Dichtung Deutschlands I, 1913, 30.

MF 3 S. 259. Spott der Burschen auf die 4 Stetit puella: Naumann, Beitr. 42, 163-67

nicht tanzenden Mädchen beim Tannhäuser, u. Primitive Gemeinschaftskultur S. 138-47,

ed. Singer III, 111. s. auch Ders., Grundzüge d. dt. Volkskde

2 Wilh. Meyer, Ges. Abhandl. Bd. I u. II; S. 134. Manda liet Nr. 141 = Freudenlied:Ders., Fragmenta Burana S. 145-86; Heinzel, Wackernagel, LG. I 2 , 291 f.; Burdach,Wiener SB. 134, 1886, 99 ff.; J.Schreiber, Reinm. S. 163-65; Vogt u. Koch, LG; l 4 ,D. Vaganten-Strophe der mlat. Dichtung usw., 94/95. Manda dürfte eher Imperat. von lat.1894, dazu Marold, Anz. 22, 27-33, Wallen- mandare sein, auftragen, Botschaft überbrin-sköld, Lbl. 1895, 263-65; Gottschalk, D. dt. gen, = referre V. 4; Lied als Bote oft im Minne-Minneleich S. 14-20; Brinkmann, Entste- sang.